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zu “Umgang mit der Bibel”

“Das Wort Gottes wohne reichlich in Euch!” (Kol 3,16)

Wir bekennen uns zur Bibel als einziger Quelle des Glaubens. Das was Katholiken und Orthodoxe als Tradition bezeichnen, kommt als Glaubensquelle nicht in Frage, weil diese Überlieferungen nicht bis in die apostolische Zeit zurückgeführt werden können und häufig auch der Bibel widersprechen.

Es ist daher selbstverständlich, daß es in unseren gemeinsamen Gesprächen vor allem darum geht, die Bibel immer besser kennenzulernen und zu verstehen. Wir lehnen das fundamentalistische Verständnis, das auf der Lehre der Verbalinspiration beruht, ab, weil dieses Denken zwangsläufig zum Aufgeben des Verstandes führt, den uns Gott doch gerade dazu geschenkt hat, ihn immer besser zu verstehen. Ebenso müssen wir aber auch die liberale Theologie zurückweisen, die die Bibel zu einem menschlichen Machwerk reduziert. Überdies ist die Argumentationsweise liberaler Theologen oft alles andere als historisch oder kritisch sondern nur von der eigenen Ideologie bestimmt. Wir nehmen die Bibel nicht wörtlich aber ernst.

Gott hat sich so klar geoffenbart, daß ihn jeder, der ihn ernsthaft sucht, in seinem Wort auch finden wird. Der Wille Gottes ist für jeden erkennbar.

Der Vorwurf, daß wir die Bibel “wie eine Art Orakel” sehen, ist nicht nur unberechtigt, sondern widerspricht auch Herrn Kluges eigener Feststellung eines “relativ hohen theologischen Niveaus”. Aus diesem Kritikpunkt wird sichtbar, daß es ihm keinesfalls um objektive, hilfreiche Kritik geht, sondern um Verleumdung.

Wir lehnen jeden glückspielartigen Umgang mit der Bibel entschieden ab, wie etwa das Ziehen von Bibelstellen zu bestimmten Anlässen (z. B. Jahreswechsel). Dazu gehören auch die im evangelischen und freikirchlichen Bereich sehr beliebten Herrnhuter Losungen.

Wir wissen auch, daß die Bibel nicht “auf jede Frage eine genaue Antwort hat.” Einerseits ist klar, daß Gott in der Bibel alles zum Heil eines Menschen notwendige geoffenbart hat und wir keiner zusätzlichen Offenbarung oder Überlieferung bedürfen, um Gott und unser Heil zu finden. Andererseits gibt es aber viele Dinge auf die uns die Bibel keine eindeutige oder überhaupt keine Antwort gibt. Das betrifft auch viele Punkte der praktischen Lebensgestaltung. Deswegen ist auch der Vorwurf, daß wir “Lebensmodelle einiger christlicher Gemeinden des 1. Jahrhunderts unterschiedslos auf heutige Verhältnisse” übertragen, in sich schon unsinnig. Wir wissen in vielen Details einfach nicht, wie die ersten Christen ihr Leben gestaltet haben. Die summarischen Berichte der Apostelgeschichte zeigen uns nur einige Grundprinzipien. Aber vieles müssen wir in der heutigen Situation durch eigenes Nachdenken unter der Führung des Geistes erkennen. Wir sind keine “Bibelpositivisten” wie etwa die sogenannte “Gemeinde Christi”, die all ihre Handlungen positiv durch Stellen des NT begründen will.

Daß nur Kompetente, d. h. Verantwortliche die Bibel richtig verstehen und auslegen können, ist vielleicht in römisch-katholischen Lehrbüchern zu lesen. Unsere Lehre ist das nicht. Wir haben kein Auslegungsmonopol wie es das römisch-katholische Lehramt bzw. die Wachtturmgesellschaft für sich beanspruchen. Die Stärke bzw. Schwäche unserer Auslegung liegt in der Stärke bzw. Schwäche unserer für jedermann nachvollziehbaren Argumente.

Wir sind auch froh und dankbar dafür, daß Bibeln frei erhältlich sind, daß das katholische Monopol in Bezug auf die Bibel gebrochen wurde, daß heute niemand mehr wegen Besitzes einer nichtkatholischen Bibelausgabe des Landes verwiesen wird. Sicher: Die Bibel kann sich nicht wehren gegen ihre Fehlinterpretation und es ist sehr traurig, was manche Leute aus Gottes Wort gemacht haben und machen. Aber im freien Wettkampf der Meinungen und in einer offenen Diskussion zeigt sich, wo die Wahrheit ist.

Noch einige Worte zu den Bibelstellen, deren unrichtige Auslegung uns Herr Kluge vorwirft:

a) Zum unterschiedslosen Übertragen von Lebensmodellen einiger Gemeinden des 1. Jahrhundersts auf heutige Verhältnisse wurde schon Stellung genommen. Offensichtlich liegt Herrn Kluge das Thema “tägliches Treffen” schwer im Magen. Uns drängt Gottes Liebe dazu.

b) “Kirche als Gemeinde der Sünder”

Diese nicht existente Bibelstelle können wir mangels Existenz weder “allegorisch denken” noch “als zeitbedingt verwerfen” oder “wegdiskutieren”.

Andere tun das hingegen mit den Stellen, die von der Heiligkeit der Gemeinde sprechen, z. B.: Mt 18,15-18; 1. Kor 5,1-13; 2. Kor 6,14-7,1; Eph 1,4; 5,25-27; Kol 1,9-11.21-23; Offb 2,5; 3,15-16; 14,4-5 …

c) “Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet!” (Matthäus 7,1)

Jesus hat mit diesen Worten nicht gemeint, daß man das Falsche nicht mehr falsch nennen darf, auch nicht, daß man Sünder nicht ermahnen darf.

“Unser Wort (damit meint der Autor Mt 7,1), das von Gottes unverbrüchlichem Gericht redet, wird aufs Schlimmste mißdeutet, wenn man es immer wieder zum Anwalt sittlicher Laxheit macht. Gut bleibt gut und Böse bleibt böse.” (J. Schniewind, Das Evangelium nach Matthäus, 1964, S. 97)

Nach den Worten Herrn Kluges würde Jesus in Mt 23 andere jüdische Gläubige “recht hochmütig ablehnen”, ganz zu schweigen davon, wie Johannes der Täufer und zahlreiche alttestamentliche Propheten ihre Zeitgenossen auf das eindringlichste zur Umkehr ermahnt haben.

Was würde Herr Kluge wohl zu den Ausfälligkeiten und Beschimpfungen des “großen Reformators” Luther sagen?

Wie viele Menschen hat die “Kirche”, deren Priester Gerald Kluge ist, nicht nur mit Worten sondern auch mit Schwert oder Scheiterhaufen gerichtet?

Wir gehen auf klare Distanz zu diesen Verbrechen im Namen des Christentums, werden aber weiterhin das Gute gut und das Böse böse nennen.

Gerade weil Gottes Liebe zu den Menschen uns drängt, dürfen wir die Sünden nicht verschweigen.

“Ich hingegen, ich bin mit Kraft erfüllt durch den Geist des HERRN, und mit Recht und Stärke, um Jakob zu verkünden seine Verbrechen und Israel seine Sünde.” (Micha 3,8)

Im Zusammenhang von Matthäus 7 finden wir auch Vers 6:

“Gebt nicht das Heilige den Hunden; werft auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie diese nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.”

Gerade dieser Vers setzt voraus, daß wir zu beurteilen haben, wer für Gottes Wort offen ist und wer nicht.

Wir müssen uns aber immer bewußt sein, daß der Maßstab, den wir an andere anlegen, auch an uns angelegt wird. Jesus lehnt in Mt 7,1-5 so wie Paulus in Röm 2,1 die Haltung ab, daß jemand andere verurteilt, selber aber das selbe tut, worin er den anderen kritisiert. Wir wollen nicht nur die anderen, sondern uns selbst umso mehr mit Gottes Maßstab messen.

“Wenn die Voraussetzungen für das Richten und Urteilen geklärt sind, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen (5). Sind sie nicht geklärt, wird der überhebliche und heuchlerische (vgl. 5) Mensch ein gerichteter Richter.” (H. Frankenmölle, Matthäus Kommentar 1, 1994; S. 262-263)

“Wie mir wenigstens scheint, befiehlt der Herr hier nicht einfach, überhaupt keine Sünde zu richten, und verbietet dies nicht so ohne weiteres, sondern nur denen, die selbst mit tausenderlei Sünden beladen sind und dennoch andere wegen ganz unbedeutender Fehler beunruhigen. Außerdem glaube ich, daß er auch die Juden hier im Auge hatte, weil diese ihre Mitmenschen in liebloser Weise wegen harmloser und unbedeutender Dinge anklagten, selbst aber ohne Gewissensbedenken die größten Sünden begingen.” (Chrysostomos, Matthäus-Kommentar, 23. Homilie)

Wichtig zum Verständnis von Matthäus 7 ist auch folgender Satz Pauli:

“Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird. Der geistliche dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt.” (1. Korinther 1,14-15)

Diese Worte sind nicht Ausdruck menschlichen Hochmuts sondern geistliche Realität bei denen, die sich unter die Hand Gottes gedemütigt haben und so vom Geist Gottes die Urteilskraft erhalten haben, alles zu beurteilen. Auch wenn uns Herr Kluge vielleicht den Heiligen Geist abspricht, so muß er doch eingestehen, daß der Geist Gottes nach dem Zeugnis der Schrift diese Urteilskraft gibt. Herr Kluge urteilt ja auch ziemlich kräftig über uns, ohne zu bedenken, daß vieles, was er bei uns als sektiererisch bezeichnet, in seiner Kirche als Tugend gelobt wird. Vielleicht sollte sich unser Kritiker selber im Lichte von Mt 7,1 prüfen.

d) Römer 14

Der Zusammenhang ist eindeutig die Stellung zum jüdischen Gesetz. Die Schwachen sind hier nicht die, die am Alkohol hängen oder von der Zigarette nicht loskommen… Die Schwachen von Röm 14 sind die, die noch die Ritualgebote des AT halten, weil sie noch nicht die volle Tragweite der Erlösung durch Jesus erkannt haben. Sie hätten beim Ignorieren der Speisegebote gegen ihr Gewissen gehandelt und wären in eine gefährliche Zwickmühle gekommen, die Paulus ihnen ersparen wollte.

Die Situation ist völlig anders, wenn heute jemand seine Sünden nicht aufgeben will, oder biblisch nicht begründbare Lehren vertritt. Diese Leute sind nicht schwach sondern böse.

Falls jemand aber wirklich ernsthaft gegen seine Sünden kämpft und mitunter auch fällt, dann ist Geduld angebracht. Das gebietet die Liebe zum Bruder unabhängig von Röm 14.

Daß es in Röm 14 um die Frage des Haltens des Gesetzes geht, zeigt der Zusammenhang mit Kapitel 15 und wird auch von verschiedenen Kommentaren so gesehen.

e) Lukas 15,3-7 // Matthäus 18,12-14

Die von Herrn Kluge angeführte Deutung dieser Gleichnisse ist nicht die der Gemeinde. Natürlich läßt sich die Frage stellen, ob ein normaler Hirte wegen eines Schafes 99 andere zurückläßt. Auch Joachim Jeremias schreibt: “Die Landeskenner Palästinas bezeugen übereinstimmend, daß es völlig ausgeschlossen ist, daß ein Hirt seine Herde einfach ihrem Schicksal überläßt. Wenn er ein verlorenes Tier suchen muß, übergibt er die Herde den Hirten, die mit ihm die Hürde teilen (Lk 1,8; Joh 10,4f), oder er treibt seine Herde in eine Höhle.” (Joachim Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, Kurzausgabe, 11. Auflage 1996, S. 90-91)

Jesus wollte Gottes große Liebe darstellen, die über das unter den Menschen übliche Maß hinausgeht und sich auch derer annimmt, die von den Menschen üblicherweise abgeschrieben sind. Für den von Herrn Kluge angeführten Fall stellt sich aber die Frage, ob dieses Gleichnis den richtigen Lösungsansatz bietet.

Herrn Kluges Kommentar, daß es in der Gruppe nicht üblich sei, “sich weiter um Leute zu bemühen, die auf den ersten Kontakt nicht angebissen haben. Diese hätten ihre Chance vertan.”, sei die Tatsache gegenüber gestellt, daß es unter uns einige Geschwister gibt, die “nicht sofort angebissen haben.” Aber wir arbeiten eben nicht mit psychologischem Druck sondern lassen den Menschen, die (noch) zu wenig Interesse haben, Freiraum, das Gehörte zu überdenken. Die Bekehrung eines Menschen ist nicht das Werk menschlicher Psychologie sondern das Wirken Gottes.

Zum Kanon: Wir erkennen den alttestamentlichen Kanon an, den Jesus als Jude Palästinas hatte (d. h., wir lehnen die von Katholiken und Orthodoxen anerkannten Apokryphen, bei ihnen beschönigend “deuterokanonisch” genannt, ab) und ebenso den seit Athanasius allgemein anerkannten christlichen Kanon des Neuen Testaments.

Es ist keine Frage, daß nicht alle Bücher die selbe Wichtigkeit haben. Natürlich ist das Johannesevangelium ungleich bedeutsamer als etwa die Stammbäume in 1 Chr 1-8.

Oberste Norm unseres Kanons ist Jesus Christus. Deswegen ist es unmöglich, Bücher, die Jesus nicht als Heilige Schrift kannte oder anerkannte, als Heilige Schrift des Alten Bundes anzuerkennen. In diesem Punkt haben sich sowohl die römisch-katholische als auch die orthodoxe Organisation über Jesus erhoben und apokryphe Schriften als Altes Testament bezeichnet. Bei den Katholiken handelt es sich konkret um die Bücher Tobit, Judith, 1. + 2. Makkabäer, Weisheit, Jesus Sirach und Baruch, ferner um Zusätze zu den Büchern Esther und Daniel. Durch Beschluß des Konzils von Trient erlangten diese Bücher im 16. Jahrhundert kanonische Bedeutung, da die Katholiken meinten, dadurch eine “biblische” Begründung für manche ihrer von den Protestanten abgelehnten Sonderlehren (Gebet für Tote 2 Makk 12; Engelsverehrung Tobit) zu finden. Keines dieser Bücher wurde je von einem Juden und schon gar nicht von Jesus als Heilige Schrift anerkannt. Die erste christliche Kanonliste für das AT (Meliton von Sardes) kennt diese Bücher nicht. Auch Hieronymus und Athanasius haben sie verworfen. Mit dieser Lehre hat die katholische “Kirche” sich nicht nur über Jesus sondern auch einen wichtigen Teil ihrer eigenen Tradition hinweggesetzt.

Mit der Aufnahme des Buches Baruch ist es ihnen sogar “gelungen” ein Werk zum Alten Testament zu erklären, welches erst nach dem Jahre 70 und somit später als alle Schriften des NT geschrieben wurde, und das außerdem noch eine antichristliche Polemik enthält (Bar 3,37 4,4 stellt dem fleischgewordenen Logos das jüdische Gesetz entgegen, das dort als “die Weisheit” bezeichnet wird, die “auf Erden erschien und unter den Menschen verkehrte”. Diese Stelle wendet sich auch gegen Heidenmission: “Gib deinen Ruhm keinem anderen preis und dein Glück keinem fremden Volke!”)

Auch das Buch Tobit mit seiner Propagandierung heidnischer Bräuche (Anmerkung der Pattloch-Bibel zu Tob 6,7-9: “Räucherwerk verwendete man in assyrisch-babylonischen Religionen gern zur Abwehr böser Dämonen”) ist in der Bibel fehl am Platze.

Wir halten im Gegensatz dazu am alttestamentlichen Kanon fest, wie ihn die Jünger vom Volk Israel übernommen haben und der auch der Kanon Jesu war.

Darum ist auch das Buch Kohelet (= Prediger) eindeutig Teil des Alten Testaments, obwohl dessen Kanonizität von den Juden gegen Ende des ersten Jahrhunderts in Jamnia diskutiert wurde und dieses Buch auch im NT nicht zitiert ist. Das Inspirationsverständnis dieses Buches bietet gewisse Schwierigkeiten, da Stellen wie folgende sicher nicht als direktes Wort Gottes verstanden werden können:

“Denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs sie haben ja ein und dasselbe Geschick ist dies: wie diese sterben, so stirbt jenes, und einen Odem haben sie alle. Und einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht, denn alles ist Nichtigkeit. Alles geht an einem Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück. Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt?” (Prediger 3,18-21)

“Besser Verdruß als Lachen; denn bei traurigem Gesicht ist das Herz in rechter Verfassung.” (Prediger 7,3)

“Sei nicht allzu gerecht und übertrieben weise! Warum sollst du Enttäuschung erfahren? Frevle nicht allzusehr und sei kein Tor! Warum sollst du sterben vor deiner Zeit?” (Prediger 7,16-17)

“Und da fand ich nun bitterer als den Tod die Frau, da sie ein Fangnetz ist und ihr Herz eine Falle, Fesseln ihre Arme. Wer Gott gefällt, entkommt ihr, aber der Sünder wird gefangen durch sie.” (Prediger 7,26)

“Ja, wer noch zugesellt ist der Gesamtheit der Lebenden, für den gibt es noch Hoffnung; denn ein lebender Hund ist besser daran als ein toter Löwe! Denn die Lebenden wissen, daß sie sterben, die Toten aber wissen schlechthin nichts. Es gibt für sie keinen Lohn mehr; denn ihr Andenken wird vergessen. Ihr Lieben, ihr Hassen und ihr Eifern ist schon längst vergangen. Sie haben für immer keinen Anteil mehr an allem, was geschieht unter der Sonne.” (Prediger 9,4-6)

Die Lösung ist wohl in einer interessanten literarischen Konzeption zu finden. Der (unbekannte, höchstwahrscheinlich nachexilische) Autor gibt im Rahmen einer literarischen Fiktion die Gedanken des von Gott abgefallenen Salomo wieder, um die Grenzen des menschlichen Denkens ohne Gott aufzuzeigen.

So finden wir in diesem Buch zwar tiefe menschliche Weisheit, letztlich aber doch nur die Resignation: “Alles ist Nichtigkeit” (Pred 1,2 und öfters). Der Mensch ohne Gott kann den tiefsten Sinn des Lebens mit Gott nicht ergründen.

In Pred 1,12-2,26 wird, ohne den Namen Salomos zu nennen, dessen Leben dargestellt, auch ein Hinweis auf seinen großen Harem, der nach 1 Kön 11,1-13 seinen Abfall verursachte, ist zu finden (Pred 2,8). Salomo suchte die Freude und fand sie nicht. Ohne Gott blieb sie ihm verschlossen.

So ist dieses Buch eine interessante Form der Warnung vor dem Abfall!

Die Schlußverse (12,8-14), die nach Ansicht zahlreicher Theologen von anderer Hand hinzugefügt wurden, versuchen diese Weisheit doch noch irgendwie in den rechtgläubigen Rahmen einzufügen. Aber die sinnvollste Erklärung bleibt die oben angeführte.

Es war auch schon Erklärern früherer Zeiten klar, daß vieles im Buch Kohelet nicht von Gott kommen kann. So bringt etwa Gregor der Gr. in den Dialogen IV/4 die Erklärung, daß “der Volksredner” manches “im Sinne der fleischlichen Versuchung anführt.”

Es sei nur kurz festgehalten, daß für uns die Frage des genauen Verständnisses von Kohelet keine dogmatische Frage ist. Wir beurteilen normalerweise religiöse Gruppierungen nicht nach deren Verständnis des Buches Kohelet. Solange jemand nicht behauptet, daß die oben zitierten widergöttlichen Aussagen eine Weisung Gottes sind, oder dieses Buch wie Adventisten und Zeugen Jehovas zur Begründung von Irrlehren (Leugnung der unsterblichen Seele) verwendet, sind verschiedene Erklärungsmöglichkeiten akzeptabel.

Wir suchen keinen Kanon im Kanon. Dieser Begriff trifft vielmehr auf Martin Luthers Einstellung zu, der aufgrund seiner eigenen eingeengten Rechtfertigungslehre eigenmächtig einzelne Bücher ablehnte.

So schrieb er über den Hebräerbrief:

“Über das bietet er eine große Schwierigkeit dadurch, daß er im 6. und 10. Kapitel die Buße den Sündern nach der Taufe stracks verneinet und versagt …, was wider alle Evangelien und Briefe des Paulus ist… Deshalb soll uns nicht hindern, ob vielleicht etwas Holz, Stroh oder Heu mit untergemenget werde, sondern will wollen solche feine Lehre mit allen Ehren aufnehmen, nur daß man sie den apostolischen Briefen nicht in allen Dingen gleichstellen soll…” (Vorrede zum Hebräerbrief, 1522)

über den Jakobusbrief:

” … daß er stracks wider Paulus und alle andere Schrift den Werken die Rechtfertigung zuschreibt und sagt, Abraham sei aus seinen Werken gerechtfertigt worden …

… Aber dieser Jakobus tut nicht mehr, als zu dem Gesetz und seinen Werken treiben, und wirft eins so unordentlich ins andere, daß mich dünkt, es sei irgendein guter, rechtschaffener Mann gewesen, der etliche Sprüche von den Jüngern der Apostel aufgenommen und so aufs Papier geworfen hat … Er nennet das Gesetz ein Gesetz der Freiheit, obwohl es Paulus doch ein Gesetz der Knechtschaft, des Zorns, des Tods und der Sünde nennet ..

… Was Christus nicht lehret, das ist nicht apostolisch, wenns gleich Petrus oder Paulus lehret; umgekehrt, was Christus predigt, das ist apostolisch, wenns gleich Judas, Hannas, Pilatus und Herodes täte. …

… In Summa: er hat denen wehren wollen, die sich auf den Glauben ohne Werke verließen und ist für diese Sache an Geist, Verstand und Worten zu schwach gewesen. Er zerreißt die Schrift und widersteht damit Paulus und aller Schrift, wills mit Gesetz Treiben ausrichten, was die Apostel mit Anreizen zur Liebe ausrichten. Darum will ich ihn nicht in meiner Bibel in der Zahl der rechten Hauptbücher haben, will aber damit niemand wehren, daß er ihn stelle und hochhalte….

… wie sollte dieser Einzelne nur allein wider Paulus und alle andere Schrift gelten?” (Vorrede zum Jakobusbrief, 1522)

über die Offenbarung des Johannes:

“… Mir mangelt an diesem Buch verschiedenes, so daß ichs weder für apostolisch noch für prophetisch halte…

Auch gibt es keinen Propheten im Alten Testament, geschweige den im Neuen, der so ganz durch und durch mit Gesichten und Bildern umgehe, daß ich (die Offenbarung des Johannes) bei mir fast dem vierten Buch Esra gleich achte und in allen Dingen nicht spüren kann, daß es von dem heiligen Geist verfaßt sei….

… und ist mir Ursache genug, daß ich sein nicht hochachte, daß Christus drinnen weder gelehret noch erkannt wird…” (Vorrede zur Offenbarung Johannes, 1522)

Es steht jedem frei, sich selber ein Urteil zu bilden, wer hier von einem Kanon im Kanon spricht, wer sich anmaßt, zu beurteilen, “was Christus predigt”, wer die Grenzen seines Verstandes (oder seines Hochmuts?) zum Maßstab über die Schrift erhoben hat.

Zur Frage nach eigener Literatur: Die Offenbarung ist abgeschlossen. Deshalb bleibt die Bibel, die einzige Literatur, die für uns Autorität ist. Wir haben es uns nicht zum Ziel gesetzt, eigene Literatur zu produzieren. Die aktive eigenständige Beschäftigung jedes einzelnen mit der Bibel hat Vorrang.

zu “Gemeindebild”

“So seid ihr nicht mehr Fremde und Nichtbürger, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.” (Epheser 2,19)

Herr Kluge hat eine Reihe von Kriterien aufgelistet, auf die wir im Detail eingehen wollen.

Leider ist ihm das wichtigste Kriterium entgangen: Die Wahrheit und die Lehre.

Paulus nennt die Gemeinde des lebendigen Gottes, den “Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit” (1. Tim 3,15). Deswegen ist die erste Frage immer die nach der Lehre. Wer offen unbiblische Lehren vertritt, baut nicht auf der Grundfeste der Wahrheit auf und kann daher nicht in der Gemeinde sein. So hatten die Leugner der leiblichen Auferstehung Hymenäus und Philetus keinen Raum in der Kirche (2. Tim 2,17-18 // 1. Tim 1,20). Ein Blick auf die heutige Kirchenlandschaft zeigt ein weites Spektrum verschiedenster oft einander und vor allem der Bibel widersprechender Lehren in allen großen Konfessionen. Von Einheit in der Lehre und von Einheit mit der Schrift keine Spur! Wie können diese Organisationen Gemeinden, d.h. Grundfesten der Wahrheit sein?

Die fehlende Basis in der Wahrheit führt auch zu entsprechenden Konsequenzen im Leben. Christliches Gemeindeleben ist nur auf der Basis der christlichen Lehre möglich.

Doch nun zu den von Herrn Kluge angeführten Kriterien:

a) Der Begriff “engagierter Christ” ist eine Tautologie (einen Sachverhalt doppelt wiedergebende Fügung, z. B.: weißer Schimmel, alter Greis). Wer nicht bereit ist, sich einzusetzen, ist kein “nicht engagierter” Christ, sondern kein Christ. Gemeinde ist die Gemeinschaft ALLER Christen. Jeder der Jesus nachfolgt, gehört zur Gemeinde, jeder der Jesus nicht nachfolgt, gehört nicht zur Gemeinde.

b) “Keine Amtsträger”

Das Wesen der Gemeinde liegt nicht in einer hierarchischen Struktur (wie es die röm.-kath. Organisation dogmatisch festgelegt hat), sondern in der geschwisterlichen Gemeinschaft:

“Ihr aber, laßt ihr euch nicht Rabbi nennen; denn einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder. Ihr sollt auch nicht jemanden auf der Erde euren Vater nennen; denn einer ist euer Vater, nämlich der im Himmel. Laßt euch auch nicht Meister nennen; denn einer ist euer Meister, der Christus.” (Matthäus 23,8-10)

Jesus hat hier die Titel oder Anreden “Hochwürden”, “Monsignore”, “Kanonikus”, “Kardinal”, “Eminenz”, “Exzellenz” und “Eure Heiligkeit” nicht angeführt. Hätte er es getan, so wären der Eitelkeit sogenannter christlicher Führer gewiß noch einige andere eingefallen. Aber immerhin hat man es gewagt, “Amtsträger” als “Vater” (Pater) oder sogar “Heiliger Vater” zu bezeichnen. Die das tun, haben lange genug Theologie studiert, um zu ergründen, daß es ja gerade das war, was Jesus wollte. Oder?

Nach dem abschreckenden Beispiel, das uns vor allem die katholische Hierarchie gibt, wollen wir uns wieder der biblischen Wirklichkeit der brüderlichen Gemeinde zuwenden.

Brüderliche Gemeinde heißt nicht, daß alle die selben Aufgaben haben. Es gibt Unterschiede in den Gaben und Aufgaben (vgl. Röm 12, 1. Kor 12), allerdings immer auf der Grundlage der geschwisterlichen Beziehung. Eine Zweiklassengesellschaft, die zwischen Priestern und Laien oder Amtsträgern und einfachen Gläubigen oder zwischen den 144000 mit der himmlischen Hoffnung und der großen Schar der “schafsähnlichen” Menschen (bei den Zeugen Jehovas) oder zwischen Geistgetauften und nur mit Wasser Getauften (bei pfingstlerischen Gruppierungen) unterscheiden, ist der Bibel fremd und widerspricht der Bruderliebe. Die Bibel kennt nur zwei Gruppen in einem anderen Sinn: Gläubige und Ungläubige, die, die drinnen sind und die, die draußen sind.

Wie in einer Familie die älteren Geschwister für die jüngeren sorgen, so sorgen auch in einer Gemeinde die älteren Geschwister für die jüngeren; jedoch nicht deswegen, um sie in Abhängigkeit zu bewahren, sondern, um sie zu größtmöglicher Selbständigkeit zu führen:

“… zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi. Denn wir sollen nicht mehr Unmündige sein, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch Betrügerei der Menschen, durch ihre Verschlagenheit zu listig ersonnenem Irrtum.” (Epheser 4,12-14)

Je mehr einer von Gott empfangen hat, umso höher ist auch seine Verantwortung. Die Bibel kennt unterschiedliche Bezeichnungen für Verantwortungsträger (z. B. “Älteste” eigentlich “Ältere” [presbyteroi] in Apg 11,30; 14,23; 20,17 …; “Propheten und Lehrer” Apg 13,1; “Episkopoi” [die Übersetzung dieses Wortes bereitet im Deutschen gewisse Schwierigkeiten, da sicher nicht das gemeint ist, was Katholiken oder Protestanten als “Bischöfe” bezeichnen und die wörtliche Übersetzung “Aufseher”, wie sie die Zeugen Jehovas verwenden, im Deutschen negativ geprägt ist Es geht um jemanden, der “auf andere sieht, sich um andere kümmert”] Apg 20,28; Phil 1,1; 1. Tim 3,2; Tit 1,7; “Hirten und Lehrer” Eph 4,11; “die unter euch arbeiten und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen” 1. Thess 5,2; “Führer” Hebr 13,7.17).

Aus diesen unterschiedlichen Bezeichnungen, die z. T. gleichgesetzt werden (so Presbyteros und Episkopos in Apg 20 und Tit 1 ein klares Zeugnis gegen die katholische Unterscheidung zwischen Priestern und Bischöfen, die aber ohnehin nichts mit den biblischen Presbytern und Episkopen zu tun haben), kann man klar erkennen, daß es in den neutestamentlichen Gemeinden keine uniformistische Gemeindestruktur gegeben hat. Die konkrete Struktur einer konkreten Gemeinde hängt sehr stark von den jeweiligen Umständen ab, unter denen eine Gemeinde lebt.

Aber allen neutestamentlichen Gemeinden war die Struktur mit einem monarchischen Gemeindeleiter unbekannt. Das einzige Haupt der Gemeinde ist Christus.

Leider wurde die monarchische Struktur schon relativ früh (Anfang des 2. Jahrhunderts) von Ignatius von Antiochien propagiert und wurde seither zur prägenden Struktur fast aller sogenannten Kirchen. Auch die Reformation hat den Schritt zum Ursprung hinter Ignatius zurück nicht gewagt, auch wenn in den protestantischen Organisationen die hierarchische Struktur nicht denselben konstitutiven Charakter hat wie bei den Katholiken, wo die hierarchische Struktur mit dem Papst an der Spitze zur Heilsfrage wurde. Als Beispiele seien hier die Bulle “Unam Sanctam” von Bonifaz VIII. (1302) und das 1. Vatikanum über die Unfehlbarkeit des Papstes angeführt:

“… Daher hat diese eine und einzige Kirche nicht zwei Häupter wie eine Mißgeburt, sondern nur einen Leib und ein Haupt, nämlich Christus und seinen Stellvertreter, Petrus, und dessen Nachfolger. Denn der Herr sagte zu Petrus persönlich: Weide meine Schafe! (Joh 21,17). Meine, sagte er, und zwar ganz allgemein, nicht nur einzelne, diese oder jene. Daraus ergibt sich, daß er ihm alle anvertraute.

Wenn also Griechen oder andere sagen, sie seien nicht Petrus und seinen Nachfolgern anvertraut, so müssen sie auch notwendig eingestehen, daß sie nicht von den Schafen Christi sind, da der Herr bei Johannes sagt: Einen Schafstall nur gibt es und nur einen Hirten. (Joh 10,16) …

Dem römischen Papst sich zu unterwerfen, ist für alle Menschen unbedingt zum Heile notwendig: Das erklären, behaupten, bestimmen und verkünden Wir.” (Bulle Unam Sanctam (1302) in: J. Neuner H. Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung, 11. Aufl. 1971, Nr. 429-430)

“Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluß an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils:

Wenn der römische Bischof in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt, wenn er seines Amts als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster, apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des römischen Bischofs sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich.

Wenn sich jemand was Gott verhüte herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen.” (1. Vatikanisches Konzil, 4. Sitzung, 1870 in: Neuner-Roos Nr. 454)

Während die Katholiken den Ungehorsam zu Jesu Worten in Mt 23,9 zum Heilsprinzip erhoben haben, halten wir an der brüderlichen Gemeinde fest, die Jesus begründet hat.

c) “tägliches Treffen”

Historisch betrachtet war es nicht so, daß wir zuerst Apg 2,42-47 gelesen haben und uns dann entschlossen haben, einander täglich zu treffen. Wir wollten einfach so oft wie nur möglich und so intensiv wie nur möglich beisammen sein. Danach haben wir erkannt, daß uns Gottes Geist zu dem selben Gemeinschaftsleben geführt hat, wie schon die ersten Christen. In seiner Pfingstpredigt hat Petrus nicht das Kirchengesetz “Du sollst Dich mit Deinen Geschwistern täglich treffen!” verkündigt. Die Christen haben es einfach getan, weil die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in ihre Herzen ausgegossen wurde (Röm 5,5), die Bruderliebe, über die Paulus schreibt:

“Was aber die Bruderliebe betrifft, so habt ihr nicht nötig, daß man euch schreibt, denn ihr seid selbst von Gott gelehrt, einander zu lieben im Herrn.” (1. Thessalonicher 4,9)

Wer Gottes Geist hat, liebt die Brüder und hat den Wunsch zur Gemeinschaft, zum Teilen des Lebens. Wenn dieses Leben durch ritualisierte “Gottesdienste” ersetzt wurde, zeigt das, daß der Geist Gottes nicht mehr das Sagen hat.

Uns ist bewußt, daß es im Laufe der Geschichte immer wieder Situationen gab, in denen tägliche Gemeinschaft für Christen sehr schwer möglich oder unmöglich war. Aber die Christen wollten immer das beste aus der jeweiligen Situation machen, da sie von der Liebe zueinander geleitet waren. Keiner hatte je Angst vor einem Zuviel an Gemeinschaft, sondern die gemeinsame Liebe zu Gott führte die Geschwister zusammen.

Wir freuen uns, daß wir in einer Zeit leben dürfen, in der die äußeren Gegebenheiten (Arbeitszeit, Verkehrsmöglichkeiten) die tägliche Gemeinschaft sehr stark erleichtern. So können wir den in Hebr 3,13 ausgedrückten Grundsatz noch leichter in unserem Leben umsetzen:

“… sondern ermuntert einander jeden Tag, solange es heute heißt, damit niemand von euch verhärtet werde durch den Betrug der Sünde!”

Da uns Jesus zu einer persönlichen Beziehung mit Gott und den Brüdern befreit hat, ist es klar, daß auch unser Gemeinschaftsleben nicht von rituellen Liturgien bestimmt wird, sondern von der persönlichen Gemeinschaft miteinander zu der jeder beiträgt (vergleiche 1. Kor 14,26). Die Notwendigkeit eines Ritus ergibt sich, wenn die lebendige Beziehung gestorben ist. Wo das geistliche Leben keine Wirklichkeit mehr ist, wird es im Ritus “gespielt”.

Die tägliche Gemeinschaft führt dazu, daß geistlich gesehen jeder Tag ein Feiertag ist. Wir erfahren jeden Tag die Gemeinschaft mit Gott und mit den Geschwistern und sehen schon aus diesem Grund keine Veranlassung, besondere Feiertage zu halten.

Diese Praxis entspricht auch folgenden Stellen des NT:

(Römer 14,5): “Der eine hält einen Tag vor dem anderen, der andere aber hält jeden Tag gleich…”

Die noch dem jüdischen Gesetz verhafteten Judenchristen hielten noch die jüdischen Festtage; die Christen, die bereits erkannt hatten, daß durch die Erlösungstat Jesu das Gesetz hinfällig war, machten keine Unterschiede zwischen den Tagen. Das gilt auch für uns, da wir wissen, daß das Gesetz in Christus erfüllt wurde. Die Übergangszeit vom Alten zum Neuen Testament ist schon lange vorbei.

Deshalb schreibt Paulus auch in Kolosser 2,16-17:

“So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, die ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist des Christus.”

Wer noch Festtage halten will, hat die Bedeutung der Erlösung noch nicht erkannt. Feste sind doch nur ein Schatten des Künftigen. Wir glauben, daß die ewige Wirklichkeit in Christus schon gekommen ist und erleben daher jeden Tag das Fest seiner Gegenwart in der Gemeinschaft der Heiligen.

(Galater 4,9-11): “… jetzt aber habt ihr Gott erkannt vielmehr ihr seid von Gott erkannt worden. Wie wendet ihr euch wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurück, denen ihr wieder von neuem dienen wollt? Ihr beobachtet Tage und Monate und bestimmte Zeiten und Jahre. Ich fürchte um euch, ob ich nicht etwa vergeblich an euch gearbeitet habe.”

Auch diese Stelle zeigt, daß das Halten von “Tagen, Monaten, bestimmten Zeiten und Jahren” ein Rückfall zu den “schwachen und armseligen Elementen” ist. Die genaue Bedeutung dieser “Elemente” wäre eine eigenes Thema, das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde es ist aber klar, daß Paulus das Halten der jüdischen Feiertage durch Christen als Gefährdung des Heils sieht, da dadurch die christliche Freiheit geleugnet wird.

Die “christlichen” Feiertage Ostern und Weihnachten wurden von den ersten Christen nicht gehalten. Weihnachten geht auf heidnischen Ursprung zurück und auch das Osterfest ist sehr stark von heidnischem Brauchtum durchsetzt. Diese Feste bergen die Gefahr in sich, daß die einmaligen Heilsereignisse der Menschwerdung des Logos und des Todes und der Auferstehung Jesu zu regelmäßig wiederkehrenden Mythen umgeformt werden. Die Auferstehung Jesu wird so zu einem Symbol der wieder erwachenden Natur und Weihnachten Fest des Lichtes, was es ursprünglich auch war (Feiertag des unbesiegbaren Sonnengottes Sol Invictus). Das Heidentum kehrt wieder im christlichen Kleid.

In Christus haben die Tage und Zeiten ihre Bedeutung verloren. Aber dennoch ist auch heute noch an der sozialen Einrichtung des regelmäßigen Ruhetages festzuhalten. Es ist gut, daß dank des technischen Fortschrittes heute in vielen Ländern zwei Ruhetage pro Woche die Regel sind. Auch in Zeiten des Sozialabbaus darf diese Errungenschaft keinesfalls aufgegeben werden. Die gesteigerte Produktivität sollte eigentlich zu einer weiteren Reduzierung der Arbeitszeit führen.

Wir lehnen staatlich angeordnete Feiertage keinesfalls ab, würden sogar deren Vermehrung begrüßen (was heutzutage leider eine Utopie ist). Auch den Nichtchristen tut es gut, sich bewußt zu werden, daß die Arbeit nicht das Ziel des Lebens ist. Eine Gesellschaft, deren Hauptziel im Wirtschaftswachstum liegt, geht dem Untergang entgegen.

Natürlich freuen wir uns, wenn wir durch Feiertage vermehrte Möglichkeiten zum Gemeinschaftsleben haben und wenn wir an verlängerten Wochenenden manchmal auch Geschwister treffen dürfen, die weiter entfernt wohnen.

d) “Teilen der geistigen und materiellen Güter”

Apg 4,32: “Die Menge derer aber, die gläubig geworden waren, war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, daß etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.”

Didache 4,8: “Wende dich nicht ab von dem Bedürftigen, teile vielmehr alles mit deinem Bruder und nenne nichts dein eigen; denn wenn ihr in die unvergänglichen Güter euch teilet, um wieviel mehr in die vergänglichen?”

Genauso wie die tägliche Gemeinschaft ist auch das Teilen sowohl der geistlichen als auch der materiellen Güter eine Folge der Liebe, die Gott uns ins Herz gelegt hat.

In einer gut funktionierenden Familie teilt man miteinander. Nicht das “mein” oder “dein” ist im Mittelpunkt, sondern das “unser”. Was in einer irdischen Familie funktioniert, soll in der Familie Gottes nicht gehen?

Unter Ungläubigen heißt es: “Beim Geld hört die Freundschaft auf.” In der Gemeinde heißt es: “Bruder, ich teile mit dir.”

Das setzt natürlich eine christliche Gemeinde voraus. Wenn ich dem anderen nicht vertrauen kann, kann ich ihm auch mein Geld nicht anvertrauen. Wenn ich weiß, daß der andere mit meinem Geld genauso sorgfältig umgeht wie mit seinem, weil es ja unseres ist, wenn ich weiß, daß er kein Verschwender ist, kein Trinker, kein Raucher, der mein Geld nur für seine Sünden mißbraucht, dann kann ich teilen.

Als Christen wissen wir, daß wir alles von Gott haben, um es am besten für ihn einzusetzen. Darum können wir es auch teilen. Christentum ist das Ende des Egoismus. Gütergemeinschaft ist eine wesentliche Konkretisierung der Liebe.

Wie die Gütergemeinschaft aussieht, hängt sehr stark von der jeweiligen Situation einer Gemeinde ab. Je intensiveres Gemeindeleben möglich ist, um so intensiver wird auch die Gütergemeinschaft sein.

In jedem Fall muß die Gütergemeinschaft aber auf der Basis der freiwilligen Hingabe der Güter geschehen (Vgl. Apg 5,4).

Was würden unsere Kritiker wohl sagen, hörten sie Worte wie folgende aus unserem Munde:

“Darf man in der Brüderschaft etwas eigenes haben? Dies ist dem Zeugnis der Gläubigen in der Apostelgeschichte entgegen, wo geschrieben steht: Niemand betrachtete etwas von dem, was er besaß, als sein Eigentum. (Apg 4,32). Wer also sagt, daß etwas sein eigen sei, der sondert sich von der Kirche Gottes und von der Liebe des Herrn ab, der durch Wort und Tat gelehrt hat, daß man sein Leben für seine Freunde hingeben müsse, um wieviel mehr dann die zeitlichen Güter?” (Basilius, Kleine Regel 85: Die großen Ordensregeln, Hg. Hans Urs von Balthasar, 2. Auflage, 1961, S. 87)

“Die in der Welt Vermögen besaßen, sollen es nach ihrem Eintritt ins Kloster gerne sehen, daß es Gemeingut wird.”  (“Die Regel des hl. Augustinus”, 1. Kapitel: Die großen Ordensregeln S. 161)

“Vor allem muß dieses Übel mit der Wurzel … ausgerottet werden, daß nämlich einer es wage, ohne Erlaubnis des Abtes etwas zu verschenken oder zu empfangen, noch etwas als eigen zu besitzen: durchaus nichts, weder ein Buch noch eine Schreibtafel noch einen Griffel, ganz und gar nichts. Es ist den Mönchen nicht einmal erlaubt, über ihren Leib und ihren Willen frei zu verfügen. Sie sollen vielmehr alles Notwendige vom Abte des Klosters erwarten. Es ist keineswegs gestattet, etwas zu eigen zu haben, was der Abt nicht gegeben oder wozu er nicht die Erlaubnis gegeben hat.

Alles sei allen gemeinsam, wie geschrieben steht, und keiner nenne etwas sein eigen oder nehme etwas für sich in Anspruch. Zeigt es sich, daß einer diesem überaus schlimmen Laster huldigt, dann werde er einmal und ein zweites Mal gewarnt. Bessert er sich nicht, so unterliege er der Bestrafung.” (“Die Regel des hl. Benedictus”, 33. Kapitel: Die großen Ordensregeln S. 223-224)

“Auch wenn einem Mönche von seinen Eltern irgend etwas zugeschickt wird, darf er es nicht wagen, es anzunehmen ohne vorherige Anzeige beim Abte. Ist der Abt mit der Annahme einverstanden, so steht es in der Befugnis des Abtes zu bestimmen, wer es erhalten soll; der Bruder aber, dem es geschickt wurde, werde nicht unwillig, um nicht dem Teufel dadurch einen Anlaß zu geben. Wer sich herausnimmt, anders zu handeln, unterliege der in der Regel festgesetzten Strafe.” (“Die Regel des hl. Benedictus”, 54. Kapitel: Die großen Ordensregeln S. 240-241)

“Die Gütergemeinschaft ist total.” (Frère Roger, Die Regel von Taizé, 7. Auflage 1974, S. 51)

Was “die erlauchtesten Kinder der Kirche” (so nennt H.U. von Balthasar die Ordensgründer) nur mit Zwang und Androhung von Strafen durchsetzen konnten, ist in der Gemeinde Gottes das Werk der Liebe, die aus freier Entscheidung heraus gibt.

Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei noch festgehalten, daß wir die Gütergemeinschaft in dem absoluten Sinn, wie sie die oben angeführten Ordensregeln beschreiben, als der Menschenwürde widersprechend zurückweisen. Es ist einfach entwürdigend, einen Menschen auch in den Kleinigkeiten des Alltagslebens (Buch, Griffel …) die Abhängigkeit von sogenannten geistlichen Führern spüren zu lassen. Das biblische Konzept der Gütergemeinschaft, das auch wir zu verwirklichen suchen, baut auf dem Prinzip des Privateigentums auf, aus dem jeder aus freier Entscheidung heraus seinen Beitrag zum Besten der Gemeinde leistet.

“Jeder gebe, wie er sich in seinem Herzen vorgenommen hat: nicht mit Verdruß oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber liebt Gott.” (2. Korinther 9,7)

Dass man persönliche Probleme, Zweifel und Verfehlungen gemeinsam bespricht, ist unter Christen normal und setzt eine tiefe Vertrauensbasis voraus, wie wir sie in Jesus haben dürfen. Natürlich muß Herr Kluge das wieder negativ interpretieren, daß dadurch der einzelne gezielt beeinflußt werden kann.

Jeder Mensch wird ständig beeinflußt. Wer meint, er werde nicht beeinflußt, zeigt dadurch nur seine sehr unkritische Sicht der Welt. Es ist klar, daß wir einander beeinflussen, aber nicht in dem Sinne, der uns vorgeworfen wird. Wir sind deswegen zusammen, um einander durch Ermunterungen und Ermahnungen auf dem Weg zu Gott zu bestärken.

Es liegt in unserer Freiheit, zu bestimmen, von wem wir uns beeinflussen lassen. Wir lassen uns nicht von den verdummenden Massenmedien beeinflussen, sondern setzen uns bewußt, aber nicht unkritisch, dem positiven Einfluß Gottes durch häufiges Lesen der Bibel und Gemeinschaft mit den Brüdern aus. Brüderliche Kritik und Ermahnung sind immer offen und klar. Arbeit mit psychologischen Tricks, gruppendynamischen Effekten etc. widersprechen der Würde des Menschen und haben deswegen unter Christen nichts zu suchen.

Die Brüder, mit denen wir nicht nur gewisse Kultakte teilen, sondern auch den Alltag, deren Sünden und Schwächen uns nicht fremd sind, die nicht ihren Vorteil suchen, sondern geben wollen, die auch bereit sind, Ermahnung anzunehmen, sind sicher vertrauenswürdiger als irgendwelche Gurus oder Kleriker, die nicht bereit sind, wie Paulus “nicht nur das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen” (1. Thess 2,8), sondern sich hinter ihren selbstangemaßten Titeln in Distanz von den anderen halten.

e)“keine Sünder in der Gemeinde”

Jesu Worte sind hier ganz eindeutig:

“Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit aus zweier oder dreier Zeugen Mund jede Sache bestätigt werde. Wenn er aber nicht auf sie hören wird, so sage es der Gemeinde; wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr etwas auf der Erde binden werdet, wird es im Himmel gebunden sein, und wenn ihr etwas auf der Erde lösen werdet, wird es im Himmel gelöst sein.” (Matthäus 18,15-18)

Auch Paulus nimmt eindeutig Stellung:

“Überhaupt hört man, daß Unzucht unter euch sei, und zwar eine solche Unzucht, die selbst unter den Nationen nicht stattfindet: daß einer seines Vaters Frau habe. Und ihr seid aufgeblasen und habt nicht vielmehr Leid getragen, damit der, welcher diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte hinweggetan würde! Denn ich …. habe schon … das Urteil gefällt über den, der dieses so verübt hat, … einen solchen im Namen unseres Herrn Jesus dem Satan zu überliefern zum Verderben des Fleisches, damit der Geist errettet werde am Tage des Herrn. …Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid …Darum laßt uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit…Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber, mit einem solchen nicht einmal zu essen…Tut den Bösen von euch selbst hinaus!” (aus 1. Korinther 5)

“Geht nicht unter fremdartigem Joch mit Ungläubigen! Denn welche Verbindung haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn wir sind der Tempel des lebendigen Gottes; wie Gott gesagt hat: Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt Unreines nicht an, und ich werde euch annehmen und werde euch ein Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige. Da wir nun diese Verheißung haben, Geliebte, so wollen wir uns reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes und die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes.” (2. Korinther 6,14-7,1)

Die frühkirchliche Praxis nahm diese Worte ernst, interpretierte sie des öfteren sogar zu streng. Auch bei neueren Autoren großer “Kirchen” finden wir fallweise klare Aussagen in diese Richtung, auch wenn sie nichts für deren Verwirklichung unternommen haben.

“… Damit ist eine äußerst scharfe Trennungslinie zwischen Kirche und Gesellschaft gezogen, die keine fließenden Übergänge zuläßt. Diese Trennungslinie kommt sprachlich darin zum Ausdruck, daß Paulus ohne die geringsten Hemmungen zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen unterscheidet. Wer von uns käme heute noch auf die Idee, in seinem Umkreis solche sprachlichen Differenzierungen vorzunehmen? Paulus dagegen trennt hier prinzipiell – aufgrund des Neuen, das mit Christus und der Kirche mitten in der Welt begonnen hat. So kommt es, daß er sogar die drinnen (1. Kor 5,12) und die draußen (1. Kor 5,12f; 1. Thess 4,12) unterscheidet.

Hingegen unterscheidet Paulus niemals zwischen Christen, die nur noch äußerlich zur Gemeinde gehören und praktizierenden Gläubigen; Christsein und zur sichtbar versammelten Gemeinde gehören, ist für ihn offensichtlich deckungsgleich. Mehr noch! Christsein verlangt auch, daß die in der Taufe empfangene Heiligung und das sittliche Leben des Getauften miteinander deckungsgleich sind. Öffnet sich zwischen beidem eine zu tiefe Kluft, so fordert Paulus Konsequenzen: (Es folgt 1. Korinther 5,9-11)

“In dieser sehr harten Anordnung, die – isoliert betrachtet – sogar den Anschein erweckt, als gäbe es für Paulus nicht einmal mehr christliches Erbarmen mit Schuldiggewordenen, spricht sich deutlich ein biblisches Grundprinzip aus, das man die Heiligkeit der Gemeinde nennen könnte. Die Kirche ist nicht nur durch die Erlösungstat Christi geheiligt, sie hat diese Heiligung auch in einem entsprechenden Leben zu realisieren. Sonst gleicht sie sich der Welt an. Paulus hat keinerlei Schwierigkeiten, eine Formel des Gesetzes, welche die Heiligkeit des alttestamentlichen Gottesvolkes sichern sollte, auf die Gemeinde in Korinth anzuwenden: Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen (vgl. 5. Mose 17,7 / 1. Kor 5,13). Auch hierin zeigt sich das scharfe Gegenüber von Gemeinde und Welt.” (Gerhard Lohfink, Wie hat Jesus Gemeinde gewollt?, Freiburg im Breisgau 1982, S. 149-150)

“… Nun ist die Gemeinde aufgerufen, … das Schlüsselamt zu verwalten. … denn nun soll Gottes eigenes Urteil über den Sünder ergehen. Tut dieser aufrichtig Buße, bekennt er öffentlich seine Sünde, so empfängt er die Vergebung aller seiner Sünden im Namen Gottes (vgl. 1. Kor 2,6ff), beharrt er bei seiner Sünde, so muß ihm die Gemeinde im Namen Gottes seine Sünde behalten. Das aber bedeutet den Ausschluß aus jeder Gemeinschaft der Gemeinde. Halte ihn für einen Heiden und Zöllner (Mt 18,17), … Im Ausschluß aus der Gemeinde aber wird nur bestätigt, was schon Tatsache ist, nämlich, daß der unbußfertige Sünder ein solcher ist, der sich selbst verurteilt hat (Tit 3,10). Nicht die Gemeinde verurteilt ihn, er selbst hat sich das Urteil gesprochen. Diesen vollkommenen Ausschluß bezeichnet Paulus mit dem Satan übergeben. (1. Kor 5,5; 1. Tim 1,20). Der Schuldige wird der Welt zurückgegeben, in der der Satan herrscht und der Tod wirkt. … Der Schuldige ist aus der Gemeinschaft des Leibes Christi ausgestoßen, weil er sich selbst getrennt hat. Kein Anrecht an die Gemeinde steht ihm mehr zu. Dennoch bleibt auch dieses letzte Handeln noch ganz im Dienste des Heilszieles mit dem Betroffenen, daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu (1. Kor 5,5), daß er gezüchtigt werde, nicht mehr zu lästern (1. Tim 1,20). Die Rückkehr zur Gemeinde oder die Erlangung des Heils bleibt das Ziel der Gemeindezucht. Sie bleibt pädagogisches Handeln. So gewiß der Spruch der Gemeinde in Ewigkeit besteht, wo der andere nicht Buße tut, so ist dieser Spruch, in dem dem Sünder das Heil genommen werden muß, nur das letztmögliche Angebot der Gemeinschaft der Gemeinde und des Heils.

So bewährt sich die Heiligung der Gemeinde in ihrem Wandel, der des Evangeliums würdig ist. Sie bringt die Frucht des Geistes und steht in der Zucht des Wortes. In allem dem bleibt sie Gemeinde derer, deren Heiligung allein Christus ist (1. Kor 1,30) und die dem Tag der Wiederkunft entgegengeht.” (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, 14. Auflage, München 1983, S. 267-269)

Letztlich ist die Gemeindezucht (das heißt, die Bereitschaft, sündige Geschwister zu ermahnen und bei mangelnder Bereitschaft zur Änderung, sich auch von ihnen zu trennen) eine Frage der Liebe und der Identität der Gemeinde. Liebe sieht den Sünden nicht tatenlos zu, sondern weist den Sünder auf die geistliche Gefahr hin, in der er sich befindet. Liebe will nicht passiv zusehen, wie ein Mensch sich geistlich zugrunderichtet. Das Ziel des Ausschlusses ist letztlich doch, “damit sein Geist gerettet werde”, auch wenn wir keine Garantie haben, daß der Sünder sich bekehren wird.

Wenn jemand trotz intensiver Ermunterung und Ermahnung an der Sünde festhält, sich der Heiligung widersetzt, hat er keinen Platz in der Gemeinde der von Gott Geheiligten. Vielleicht kann die Konfrontation mit der Welt ihm doch noch helfen und ihm zeigen, was er durch sein Sündigen verloren hat. Vielleicht führt dieses “dem Satan übergeben Sein” (was nicht heißt, daß der Satan nun eine besondere Macht hätte, den Sünder zu quälen, sondern, wer nicht in der Gemeinde ist, ist in der Welt, in der nach Jesu Worten der Satan der Fürst ist [Joh 14,30]) zum “Verderben des Fleisches”, das heißt zum Aufgeben der widergöttlichen sündhaften Gesinnung.

Der andere Punkt um den es geht, ist die Identität der Gemeinde. Wenn die Gemeinde der Erlösten auch solche in ihren Reihen hat, die sich der Erlösungstat Jesu widersetzen, denen die Sünde wichtiger ist als die Nachfolge, hört sie auf, Gemeinde zu sein.

Natürlich ist auch uns klar, daß es eine sündenlose Gemeinde nie gab und auch nie geben wird. Unsere Sündenbekenntnisse sind kein “verbales Zugeben” sondern Ausdruck des Kampfes gegen die Sünde.

Johannes betont in seinem ersten Brief einerseits, daß ein Christ nicht sündigt (1. Joh 3,3-10), andererseits macht jeder, der sagt, daß er nicht gesündigt habe, Gott zum Lügner (1. Joh 1,8-10). Diese Aussagen sind in sich kein Widerspruch. Im 3. Kapitel spricht Johannes grundsätzlich von der Existenz des Erlösten, der eine völlig neue Einstellung zur Sünde hat und vieles, das sein altes Leben geprägt hat, nicht mehr tut. Das Leben des Christen ist ein Leben in Freiheit und Sieg über die Sünde. Aber gerade wenn jemand sich bemüht, in der Heiligung zu leben, wird er umso deutlicher merken, wieviel noch nicht in Ordnung ist, wieviel Sünde trotz allem noch in seinem Leben ist. “… denn wir alle straucheln oft.” (Jakobus 3,2)

Wer sein Leben nach Jesus ausrichtet und es mit seinen Brüdern teilt, hat natürlich weniger mit anderen zu tun. Jesus hat es zu einer Grundforderung seiner Jünger gemacht, daß im Vergleich zur Beziehung mit Jesus alle anderen Beziehungen zurückzustellen sind.

“Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.” (Lukas 14,26 Einheitsübersetzung)

Für Jesus hat die geistliche Verwandtschaft Vorrang vor der natürlichen Verwandtschaft:

“Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tun wird, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.” (Matthäus 12,49-50)

Das Leben können wir nun einmal nur mit denen teilen, die dem selben Herrn nachfolgen. Aber eine Verpflichtung zum Abbruch aller familiären Beziehungen, wie es bei katholischen Orden mitunter vorkam, gibt es in der Gemeinde Gottes nicht.

Wiederum ein Zitat anderer:

“Somit sollen die leiblichen Eltern oder Brüder eines Mitglieds der Brüderschaft, wenn sie Gott wohlgefällig leben, von allen Brüdern als gemeinsame Eltern und Verwandte mit Ehrerbietung behandelt und gepflegt werden. Denn wer immer den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, sagt der Herr, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter (Mt 12,50). … Sind sie aber noch ihrer Gesinnung nach in weltliches Treiben verwickelt, so haben wir, die wir fern von Zerstreuung, was dem Herrn wert und gefällig ist, zu tun erstreben, keine Gemeinschaft mit ihnen. Kommen von unseren früheren Verwandten solche zu uns auf Besuch, die Gottes Gebote verachten und den Dienst der Frömmigkeit für nichts halten, so dürfen wir sie nicht aufnehmen, weil sie den Herrn nicht lieben, der sagt: Wer mich nicht liebt, der beobachtet meine Gebote nicht (Joh 14,24) …

Überhaupt darf man weder einem Verwandten noch einem Fremden erlauben, sich mit den Brüdern in ein Gespräch einzulassen, wenn wir von ihnen nicht die Überzeugung haben, daß das Gespräch Erbauung und Vervollkommnung der Seelen bewirkt …” (Basilius, Große Regeln, 33: Die großen Ordensregeln, hg. von Hans Urs von Balthasar, 2. Auflage, 1961)

Was würde Herr Kluge wohl sagen, wenn wir derartiges formulierten? Milieukontrolle? Informationskontrolle? Typisches Kennzeichen einer Sekte! Basilius aber wird von seiner “Kirche” als Heiliger verehrt.

Es gibt in der Gemeinde Jesu nur aktive Glieder. Eine rein formale Mitgliedschaft zur Kirche Jesu ist daher ein Unding. Gemeinschaftsleben und Anonymität widersprechen einander wie Feuer und Wasser. Es ist daher unmöglich, die “Kirchen”, bei denen die überwiegende Mehrheit der Mitglieder nicht einmal die eigenen Glaubenswahrheiten akzeptiert, als Kirchen zu bezeichnen. Wenn das Gemeindeleben durch Formalismen ersetzt wurde, zeigt das klar, daß hier der Geist Gottes nicht am Wirken ist.

Wir werfen den “Volkskirchen” aber nicht die Säuglingstaufe vor, sondern daß die Kinder nicht in eine Gemeinde von Brüdern und Schwestern hineingetauft werden, in der sie zum christlichen Leben hingeführt werden. Die Alternativen lauten nicht Säuglingstaufe oder Erwachsenentaufe sondern eine Gemeinde von Glaubenden oder Formalismus.

Eine Kirchensteuer ist für Christen etwas absolut Undenkbares. Mit meinen Geschwistern teile ich ohnehin, was ich habe auf der Basis einer freien Liebesbeziehung. Jemanden aber durch staatlichen Zwang zu Abgaben zu verpflichten, ist das Aufgeben des letzten Anspruches, Gemeinde Gottes zu sein. Wenn ein Werk von Gott ist, stehen die Gläubigen dahinter und geben mehr als nötig, ohne Zwang. Zwangsabgaben sind ein Mißtrauensantrag an Gott und die Gläubigen bzw. ein Eingestehen des eigenen Unglaubens.

Wenn Herr Kluge über unsere Beziehungen zu Außenstehenden schreibt, schwankt er in der Terminologie zwischen “Andersgläubigen” und “Christen außerhalb der Gruppe”.

Mit Andersgläubigen, also Nichtchristen, ist Gebetsgemeinschaft nicht möglich, da doch klar sein muß, daß wir zum selben Gott beten. Dieser Grundsatz war in den ersten Jahrhunderten selbstverständlich. Mit Menschen, die Gott aufrichtig suchen, beten wir aber gerne. Ebenso ist mit Christen “außerhalb der Gruppe” das gemeinsame Gebet selbstverständlich. Wir haben immer wieder große Freude, wenn wir Christen finden, die Jesus unabhängig von unserer Gemeinschaft gefunden haben und freuen uns tief über die Einheit mit ihnen.

Nicht “unsere Gruppe” ist das Zeichen, an dem sich das Christsein anderer zeigt, sondern die Liebe zueinander, die Gott allen seinen Kindern ins Herz gelegt hat. Wenn wir Christen kennenlernen, so ist die selbstverständliche Folge, daß wir uns gemeinsam um Einheit bemühen und sie auch finden. Unmöglich ist es jedoch, Geschwister im Glauben als Sektierer abzustempeln, was Herr Kluge macht, der uns einerseits doch irgendwie für Christen hält, uns andererseits aber als Sekte bezeichnet und nie auch nur den geringsten Versuch unternommen hat, mit uns in Einheit zu kommen.

Wir sehen uns NICHT als Elitegemeinschaft. Unter Christen darf es keine Zweiteilung in Elite und normale Mitglieder geben. Jeder ist heilig und bemüht sich um Wachstum im Glauben. Unser Ziel ist niemals Überheblichkeit sondern demütiger Dienst. Es steht uns nicht zu, auf etwas stolz zu sein, was wir selber nur empfangen haben.

Doch sind wir nicht um einer Scheindemut willen bereit, den Wahrheitsanspruch des Christentums zu reduzieren. Es ist nicht überheblich, von der Wahrheit des Christentums überzeugt zu sein (was zwangsläufig heißt, daß alle anderen Wege falsch sind). Das war die Überzeugung Jesu (Joh 14,6) und der Apostel (Apg 4,12). An dieser Überzeugung wollen auch wir festhalten. Wir haben erfahren, daß Gott uns aus der Finsternis ins Licht gerufen hat, vom Irrtum zur Wahrheit. Nun dürfen wir andere rufen, den selben Schritt zu tun, nicht weil wir uns gut vorkommen, sondern weil wir wissen, daß Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Wir wollen das große Geschenk, das wir empfangen haben, mit anderen teilen.

Wir sind keine Gnostiker, die die anderen als “dem Materiellen verhaftete Menschen” sehen, denn auch die Materie ist ein Teil von Gottes guter Schöpfung. Wir denken auch nicht, daß wir ein überragend hohes sittliches und religiöses Niveau erreicht hätten. Was für eine Welt, in der das Normale schon ein unüberwindlich hohes Niveau darstellt! Es geht auch nicht darum, etwas “zu schaffen” oder nicht, sondern als Christen leben wir aus der Kraft Gottes und erfahren, daß seine Gebote nicht schwer sind.

“Denn dies ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer.” (1. Johannes 5,3)

Zu Apg 2,42-46: Es geht uns nicht um das formalistische Kopieren eines konkreten zeitbedingten Gemeindemodells, was wir auch in keiner Weise tun. Aber aus Apg 2 wird sichtbar, wie der Geist Gottes die jungen Christen mit Liebe zu Gott und zueinander erfüllt hat, und diese Liebe ist die bleibende Grundlage jedes christlichen Gemeindelebens, egal unter welchen Umständen diese Christen leben. Dieselbe Liebe, die die ersten Christen zur täglichen Gemeinschaft und zum Teilen der materiellen Güter führte, führt auch uns dazu, auch wie die Konkretisierung heute etwas anders aussieht als im Jerusalem des Jahres 30 oder im Ephesus des Jahres 55. Nicht immer und überall war tägliche Gemeinschaft so einfach wie für uns heute. Die Christen taten immer ihr bestes, doch nicht immer erlaubten die Umstände tägliches Treffen. Bei uns hingegen erlauben sie es, und wir nehmen dieses Geschenk dankbar an, ohne von höherwertigen oder minderwertigen Gemeindemodellen zu sprechen.

Jesus hat uns zu einem heiligen Leben berufen. Es ist daher wohl selbstverständlich, daß die Gemeinde von ihren Gliedern einen moralisch hohen Lebenswandel erwartet. Das ist die Lehre der Bibel (z. B.: Phil 2,14-15: “Tut alles ohne Murren und Zweifel, damit ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr leuchtet wie Himmelslichter in der Welt …”) und die Tradition der frühen Kirche (z. B. Athenagoras, Bittschrift für die Christen, 31: “… so wißt ihr auch, daß wir uns nie auch nur eine ganz kurze Gedankensünde erlauben. Denn da Gott die Richtschnur für unser Leben bildet, so ist es unser eifrigstes Bestreben, daß das Leben eines jeden von uns in Gottes Auge schuldlos und untadelig sei…”).

Es ist nicht ganz klar, ob uns Herr Kluge hier loben will oder ob er das Streben nach Moralität als Kennzeichen einer Sekte versteht. (Das Fehlen des Strebens nach Moralität ist aber ein sicherer Beweis dafür, daß eine Organisation nicht mehr Kirche ist.) Wir wollen das bessere hoffen und korrigierend anmerken, daß wir den Ausdruck “falsches Evangelium” üblicherweise nicht für einen laxen Lebensstil verwenden.

zu “Weltbild”

“Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht.” (Johannes 1,10)

Der Begriff “Welt” wird in der Bibel in verschiedenem Sinne verwendet. Die Welt als Gottes gute Schöpfung hat nichts Widergöttliches an sich. Sie ist Gottes Geschenk, das wir mit Dankbarkeit annehmen und zum Lob Gottes für seine herrliche Schöpfung führt. Deswegen haben wir auch Freude an den vielen Schönheiten, die wir immer wieder erleben dürfen, sei es eine Frühlingsblume, eine felsige Schlucht, ein Sonnenuntergang, eine sternklare Nacht … Die gnostische Idee einer bösen Schöpfung weisen wir entschieden zurück.

Im Neuen Testament wird der Begriff “Welt” aber auch im negativen Sinne verwendet und dient zur Umschreibung der Menschen, die sich durch eine freie, eigenverantwortliche Entscheidung gegen Gott gestellt haben. Es ist völlig klar, daß sich ein Christ von dieser “Welt” nur abgrenzen kann. Als Jünger Jesu sind wir nicht von “dieser Welt”, wie auch Jesus nicht von dieser Welt ist (Johannes 17,14.17).

Deshalb gilt für uns 1. Johannes 2,15-17:

Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist! Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Trotzdem fliehen wir nicht von der Welt. Wir leben in der Welt, in die uns Jesus gesandt hat (Joh 17,18). Eine Weltflucht, wie wir sie an Beispielen sogenannter Heiliger verschiedenster Zeiten finden, ist uns völlig fern. Wir ziehen uns weder in die Wüste noch hinter dicke Klostermauern zurück. Keiner von uns würde ein Schweigegebot wie bei den Trappisten akzeptieren. Auch die Säulen der Säulenheiligen werden wir nicht besteigen.

Jesus hat seine Jünger zum Licht der Welt, zur Stadt auf dem Berge berufen (Mt 5,14-16). Gerade dadurch, daß wir uns nicht den Maßstäben dieser Welt anpassen (Röm 12,2) können wir leuchten und die Menschen zu einem Leben führen, das durch seine guten Taten Gott preist.

Wir leben in der Welt, die meisten von uns arbeiten in einem Beruf, in dem wir unser Bestes geben wollen, der aber nicht unsere Berufung ist, die in der Hingabe an Gott besteht.

“Die ganze Welt liegt im Bösen” schreibt Johannes (1. Joh 5,18). Das heißt aber nicht, daß wir uns unserer Verantwortung für die Welt entziehen. Einem politischen Einsatz sind allerdings enge Grenzen gesetzt, einerseits, weil das nicht unsere Hauptaufgabe ist, andererseits weil alle politischen Kräfte so weit von allen Mindestmaßstäben menschlicher Moral entfernt sind, daß eine Zusammenarbeit mit ihnen von vornherein ausgeschlossen ist.

Es gäbe viel zu tun in einer Welt, in der es als Menschenrecht angesehen wird, sein eigenes Kind im Mutterleib ermorden zu dürfen, in einer Welt, die von Gerechtigkeit spricht und die Armen unterdrückt, in einer Welt, die im Namen von ausgeglichenen Budgets ständig Sozialabbau betreibt, dabei aber die Reichen nicht nur ungeschoren läßt sondern deren Reichtum noch fördert (besonders durch sogenannte “christliche” Parteien), in einer Welt, die von Humanität und Fremdenfreundlichkeit schwärmt, zugleich aber immer fremdenfeindlichere Gesetze erläßt, die rechtlose Flüchtlinge in den Hände geldgieriger Schlepper und oft auch in den Tod treibt, kurz: in einer Welt, die gelernt hat, extremste Grausamkeit durch schönfärberische Worte zu tarnen.

Wir schweigen nicht zu diesen Ungerechtigkeiten. Aber Gott hat die Jünger Jesu berufen, der Welt das Beste zu geben, was es gibt: das Evangelium, das ewige Leben in der Nachfolge Jesu. Dort wo Menschen Jesus nachfolgen, wird Wirklichkeit, was Gottes Wille für diese Welt ist: ein Zusammenleben in Liebe und Gerechtigkeit, ohne Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit) und voller Vertrauen. Wir freuen uns, daß wir trotz aller unserer Sünden dieses Wirken Gottes in unserer Gemeinschaft erfahren dürfen.

Die Welt ist nicht die “schwarze Folie, vor der unser Konzept um so heller strahlt”. Gottes Licht braucht nicht den Schatten, um als Licht erkannt zu werden. Das Gute ist gut, weil es gut ist und nicht abhängig vom Bösen. Nur das Böse muß sich ständig als Gutes ausgeben, da es in sich keinen Bestand hätte.

Herr Kluge hat recht, daß wir uns als die aus dieser Welt Herausgerufenen verstehen. Das trifft auf jeden Christen zu. Wir sind berufene Heilige (Röm 1,7; 1. Kor 1,2) in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt (Joh 17,11.16). Wer meint, er sei nicht aus dieser Welt herausgerufen, gibt zu, daß er kein Jünger Jesu, kein Christ ist.

Daß “die negativen Erscheinungen durch die Sünde verursacht werden”, ist nicht nur unsere Meinung, sondern auch die des Paulus:

(Römer 5,12): “Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben …”

Wir wollen uns gewiß vor zu primitiven Vorstellungen hüten. (Die Säbelzahntiger waren keine Vegetarier. Den biologischen Tod gab es im Tierreich von Anfang an, lange vor der ersten Sünde.) Aber wir wissen, daß die erste Sünde einen wesentlichen Einschnitt in der Beziehung zwischen Gott und Mensch darstellte, und daß nach dem Sündenfall der Mensch in einer schlechteren Ausgangsposition ist als vorher, daß oft das Schlechte leichter fällt als das Gute. Wir lehnen aber das Erbsündenverständnis ab, das diese negative Folge als Sünde bezeichnet. Diese in unterschiedlicher Betonung von fast der gesamten Tradition seit Augustinus vertretene Lehre weisen wir als unbiblisch und gottlos zurück.

Jedes Nachdenken über eine Welt ohne Sünde trägt einen spekulativen Charakter an sich. Wir denken aber, daß Gott in seiner Gnade den ungefallenen Menschen vor Krankheit und Behinderungen bewahrt hätte. Wir sind nicht die ersten, die so denken. Das ist auch die Überzeugung anderer. “Weil in der Welt die Sünde herrscht, hat auch die Krankheit Raum, macht der Tod das Wesen der Sünde sichtbar.” (Lexikon für Theologie und Kirche, 6. Band 1977, Sp. 428)

Zu Herrn Kluges Kritik “Mitunter werden sogar körperliche oder geistige Behinderungen als Strafe Gottes ausgelegt” sei folgendes festgehalten:

Was den Zusammenhang zwischen konkreter Sünde und konkreter Krankheit betrifft, müssen wir sehr vorsichtig sein. Das Buch Ijob (=Hiob) lehrt uns, daß der automatische Schluß von Krankheit auf Sünde nicht zulässig ist.

Auch Jesu Worte in Johannes 9,3 sind klar:

“Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbart würden.”

Jesus spricht hier zwar nur von einem Fall, zeigt damit aber, daß das Denken, das in der Frage der Jünger sichtbar wird, falsch ist.

Natürlich gibt es in vielen Fällen offensichtliche Zusammenhänge zwischen Sünde und Krankheit, die einfach im Wesen der betreffenden Sünde liegen. Ein Raucher braucht sich nicht über seinen Lungenkrebs zu wundern und auch die gesundheitlichen Folgen des Alkohol- oder Drogenkonsums sind hinlänglich bekannt.

In 1. Korinther 11,30 bezeichnet Paulus Krankheiten und Todesfälle als Folgen von Sünden. Doch geht es hier nicht darum, daß die einzelnen Kranken die schlimmsten Sünder waren. Die Gemeinde war durch ihr Sündigen auf ein Niveau abgerutscht, das schon sehr nahe dem der Welt war, so daß Gott sie nicht mehr vor vielen Gefahren bewahren konnte. Es waren die anfälligsten, die von der Krankheit betroffen waren, nicht die schlimmsten Sünder. Dem Blutschänder von 1. Korinther 5 scheint nichts passiert zu sein.

Wir lehnen auch die Deutung von 1. Kor 5,5 ab, daß das Verderben des Fleisches körperlichen Schaden durch Krankheit oder gar Tod meint, sondern verstehen die Stelle so, daß die fleischliche Gesinnung, die Sünde des Ausgeschlossenen, verderben soll.

Mitunter kennt die Bibel Krankheiten und sogar Tod als Strafe (Apg 13,11; 5,1-11). Aber wir sehen diese Stellen als Ausnahmen an.

Es sei in diesem Zusammenhang auch festgehalten, daß eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Geschwistern beruflich im Dienst an Kranken und Behinderten tätig ist.

Wir wollen unsere Augen nicht verschließen vor dem Positiven, das es außerhalb unserer Gemeinschaft gibt. Es ist aber auch schmerzlich, zu beobachten, wie sehr das Gute oft mit falschen Lehren verbunden ist. Wir lehnen aber aufs entschiedenste die protestantische Lehre von der totalen Verderbtheit des Menschen nach dem Sündenfall ab, als ob der Mensch ohne Gott nichts Gutes tun könne.

Was die kritische Betrachtung der eigenen Lehre und Forschung betrifft, sind wir uns unserer eigenen Mängel bewußt. Wir wissen, daß viele ein viel gründlicheres Wissen als wir haben, und wir sind dankbar dafür, daß wir von anderen lernen dürfen. Wir wollen uns von jeder Betriebsblindheit hüten. Andererseits gibt es auch bei Menschen, die uns wissensmäßig überlegen sind, immer wieder ganz grundsätzliche Denkfehler, die auch einfache Menschen durchschauen können.

Wir müssen auch klar unterscheiden zwischen Grundlehren, an denen auf keinen Fall gerüttelt werden darf und Detailfragen, in denen wir oft noch keine klare Erkenntnis haben. Durch intensive Beschäftigung mit der Bibel können wir immer mehr lernen und auch eigene Denkfehler durchschauen. Wir erwarten von anderen, daß sie offen sind für unsere Kritik und wollen uns daher auch selber nicht gegen Argumente versperren.

Zur “Re-Definition” von Begriffen gibt Herr Kluge zu, daß es sich im von ihm angeführten Beispiel um einen Einzelfall handelt, der uns aber nicht bekannt ist. Auch wir verstehen das Wort “unmenschlich” als negativ. Allerdings gibt es Unterschiede im Bedeutungsinhalt des Wortes “unmenschlich”.

Es ist nicht unmenschlich, dem eigenen Gewissen und dem, was jemand als Gottes Willen erkennt, zu folgen und die Gemeinschaft mit Geschwistern im Herrn der Gemeinschaft mit der eigenen Familie vorzuziehen.

Es ist aber unmenschlich, wenn Eltern ihre eigenen Kinder mit Giftstoffen betäuben, entführen, in der Wohnung einsperren, an den Heizkörper fesseln, die Dokumente wegnehmen, widerrechtlich entmündigen lassen, monatelang wider deren Willen hinter Klostermauern festhalten… All das ist Geschwistern aus unserer Gemeinschaft im 20. Jahrhundert widerfahren. Weitere Verbrechen gegen Christen im Namen des Christentums sind in den Geschichtsbüchern nachzulesen.

Toleranz ist ein wichtiger Grundsatz jeder menschlichen Gesellschaft, eine Tugend, die uns gerade von unseren Gegnern oft nicht gewährt wird. “Soll die Gemeinschaft bestehen und gedeihen können, ist Toleranz, d.h. Duldung (lat. tolerare = dulden), in gewissem Ausmaß notwendig.” (K. Hörmann, Lexikon der christlichen Moral, 1969, Sp. 1221)

Toleranz heißt, daß jeder das Recht hat, zu denken und zu glauben, was er will. Toleranz heißt aber nicht, daß alles richtig ist. Es gibt nur eine Wahrheit. Aber diese Wahrheit muß in Freiheit erkannt und ergriffen werden. Der katholische Grundsatz, “daß nur die Wahrheit, nicht der Irrtum ein Daseinsrecht hat” (Hörmann, Sp. 1221), hat unzähligen Menschen Freiheit, Heimat, Gesundheit oder Leben gekostet. Die Wahrheit hat es nicht not, mit Gewalt verbreitet oder verteidigt zu werden. Wer zum Argument der Gewalt greift, wie es gerade die großen “Kirchen” immer wieder getan haben, zeigt, daß er die Wahrheit nicht hat. Die eine Wahrheit spricht für sich selbst und braucht die Konkurrenz des Irrtums oder von Pseudowahrheiten nicht zu fürchten.

In der Welt muß es Toleranz geben. Jeder hat das Recht, zu denken und glauben, was er will. Wenn sich aber jemand als Christ bezeichnet, dann hat er sich entschieden, der Lehre Jesu zu folgen. Wenn er anderes glauben will, so ist das seine freie Entscheidung. Aber er soll es nicht Christentum nennen. Die Gemeinde Gottes ist kein Allerweltsverein, sondern die Säule und Grundfeste der Wahrheit (1. Tim 3,15). Irrlehren haben daher in der Gemeinde keinen Platz. Aber jeder Irrlehrer hat weiterhin vollen Anspruch auf alle seine bürgerlichen Rechte.

Es ist hier auch klar zu unterscheiden zwischen Irrtum und Irrlehre. Wer unwissentlich irrt, ist für Argumente offen und freut sich, aus dem Irrtum herauskommen zu können. Hier ist auch viel Geduld notwendig, einander in der Erkenntnis der Wahrheit zu stärken. Wer aber bewußt im Gegensatz zur Lehre der Apostel steht, darf in der Gemeinde nicht geduldet werden bei allem Respekt vor seiner Würde als Mensch.

Jeder Christ hat die große Geduld Gottes erfahren und erfährt sie immer wieder. Wir sind dazu herausgefordert, einander geduldig zu ertragen. Andererseits müssen wir uns aber auch der Dringlichkeit des Rufes Jesu bewußt sein. Es ist nicht möglich, die Bekehrung auf die lange Bank zu schieben. Auch wenn es die meisten nicht wahrhaben wollen: Es gibt ein “zu spät”.

“Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht …” (Hebräer 3,7-8; im größeren Zusammenhang zu lesen)

Wer sich dem Ruf Gottes immer wieder verweigert, wird dadurch so geprägt, daß er sich eines Tages nicht mehr verändern kann.

Eine Naherwartung des baldigen Weltendes gab es in unserer Gemeinschaft nie. Ganz im Gegenteil: Diese Frage war eine der ersten Streitfragen in der Auseinandersetzung mit fundamentalistisch-freikirchlichen Gruppierungen. Wir lehnen diese egozentrische Weltsicht (“unsere Zeit muß etwas besonderes sein”) entschieden ab. Rätselhaft bleibt, welche Aussagen von Geschwistern so falsch interpretiert werden konnten. Oder wollte uns hier Herr Kluge nur in eine Schublade stecken, von der er erst später merkte, daß wir nicht hineinpassen?

Da wir Menschen aus dem Irrtum des Weltuntergangswahns herausholen wollen, haben wir uns auch mit der “Naherwartung” wiederholt eingehend beschäftigt. Da Herr Kluge den Vorwurf der Naherwartung zurückgezogen hat, ist hier aber nicht der Platz für eine eingehendere Behandlung dieses Themas.

Exkurs: Erlösungsverständnis

“Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein.” (Johannes 8,36)

Es ist schade, daß Herr Kluge eine derartig komplexe Materie wie das Erlösungsverständnis mit einigen sehr mißverständlichen Aussagen abhandelt.

Es ist richtig, daß wir die Satisfaktionstheorie Anselms von Canterbury (1033-1109), die das Erlösungsverständnis der Großkirchen stark beeinflußt hat, ablehnen.

Ein älteres katholisches Werk faßt dessen Theorie folgenderweise zusammen:

“Die Sünde beurteilt Anselm als eine Beleidigung Gottes, weil sie ein Raub an der Ehre Gottes sei. Diese Beleidigung, die nach ihm eine unendliche ist, fordert Wiedergutmachung, Ersatz der geraubten Ehre. Geschieht das nicht, so muß Strafe eintreten (aut satisfactio, aut poena). Der Mensch nun war wegen seiner ungleichen Stellung Gott gegenüber nicht fähig, diese Genugtuung zu leisten. Sollte er also nicht ewig zu Grunde gehen, so mußte sie von einem Gottmenschen geboten werden, der wegen seiner göttlichen Natur eine unverschuldete, unendlich sittliche Leistung zu bewirken imstande war und wegen seiner menschlichen Natur für die Stammesgenossen eintreten konnte. Diese stellvertretende Genugtuung ist dann frei von Christus geleistet, dessen ganzes Leben der Ehre Gottes geweiht war, und dessen Tod die schuldige Strafe als Sünde abbüßte. Gott nahm diese Sühnetat für uns an als ein Werk von unendlichem Werte.” (Dr. Bernhard Bartmann, Grundriß der Dogmatik, Freiburg i. B. 1923, S. 237, Hervorhebungen wie im zitierten Werk)

Diese Theorie prägte die Theologie bis ins 19., 20. Jahrhundert, ist aber in der Gegenwart “sehr umstritten” (so im Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, 3. Bd. 1995, Sp. 807). Einerseits ist die Beschreibung der Sünde als “Beleidigung” Gottes äußerst mangelhaft. Natürlich ist jede Sünde direkt gegen Gott gerichtet, aber es ist nicht so, daß wir Gott durch unsere Sünden Schaden zufügen könnten. Wir zerstören durch unsere Sünden unsere Beziehung zu Gott, aber die Veränderung liegt auf unserer Seite, nicht auf der Seite Gottes (Vgl. Jes 59,1-2: Siehe, die Hand des HERRN ist nicht zu kurz, um zu retten, und sein Ohr nicht zu schwer, um zu hören; sondern eure Vergehen sind es, die eine Scheidung gemacht haben zwischen euch und eurem Gott, und eure Sünden haben sein Angesicht vor euch verhüllt, daß er nicht hört.).

Andererseits ist Gott in seiner Gnade in keiner Weise an irgendeine Genugtuung gebunden, um vergeben zu können. Die Bibel betont immer die freie Gnade Gottes, die Vergebung ohne Vorbedingung. (Ps 32,5; 51,3-6.18-19; Ps 79,9; 130,3-4; Spr 28,13; Jes 1,18; 43,25; 44,22; Mi 7,18-19; Mt 18,21-35; Lk 15,11-24; Apg 3,19; …) Wer seine Sünden bereut und bekennt, dem sind sie vergeben. Der Gott Israels und Vater Jesu darf nicht mit einer Personifizierung des Karma verwechselt werden, in dem jede schlechte Tat ihren Ausgleich durch etwas Gutes fordert.

Was ist nun aber die Bedeutung Jesu in diesem Zusammenhang? Ist Jesus nur ein Vorbild unter vielen (sicher das größte von allen, aber doch nur Vorbild)?

An zahlreichen Stellen spricht das Neue Testament von der Erlösung durch den Tod Jesu, durch sein Blut. Sein Tod wird mit einem Opfer verglichen, es ist die Rede von der Vergebung in seinem Blut. Wir stimmen diesen Aussagen zu, sie sind eindeutige Lehre der Heiligen Schrift. Die Frage ist jedoch das richtige Verständnis dieser Aussagen, das auch wir in vielen Gesprächen immer wieder vertiefen wollen.

Zur Abgrenzung von einem falschen Verständnis mögen folgende Sätze dienen.

1. Es gibt in der Heiligen Schrift keine Stelle, die zwingend zur Satisfaktionstheorie Anselms führt (schon gar nicht zu den falschen Theorien, nach denen der Tod Jesu eine Lösegeldzahlung an den Satan war).

2. Die Bibel geht in ihren Aussagen von der historischen Tatsache des Todes Jesu aus und äußert sich nicht über Alternativen dazu.

3. Aus dem NT läßt sich nicht ableiten, daß es für die Vergebung wesensmäßig notwendig war, dass Jesus sein Blut vergoß. Der Tod eines Unschuldigen als Voraussetzung für die Vergebung steht sogar im Widerspruch dazu.

z. B.: Matthäus 21:37

“Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.”

4. Der Tod Jesu war ein Verbrechen gottloser Menschen, die ihrer Bosheit in freier Entscheidung Ausdruck verliehen haben und in keiner Weise von Gott (oder sonst jemandem) dazu gezwungen waren.

“Keiner von den Fürsten hat sie (die Weisheit Gottes) erkannt – denn wenn sie sie erkannt hätten, so würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben” (1. Korinther 2,8)

“Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ermordet habt, indem ihr in ans Holz hängtet. Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Führer und Heiland erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben.” (Apostelgeschichte 5,29-30)

5. Die Bosheit von Judas, Kaiphas und Pilatus war zur Erlösung nicht notwendig und hat sie auch nicht gefördert.

6. Jesus kam, um Israel zur Umkehr zu rufen. Der Erfolg seiner Predigt und die sich daraus ergebende Konsequenz, daß Jesus nicht ermordet worden wäre, hätten die Erlösung nicht verhindert sondern wären der Erlösung der Menschheit nur förderlich gewesen.

“Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt.” (Matthäus 23,37)

“Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist und ihr Verlust der Reichtum der Nationen, wieviel mehr ihre Vollzahl! … Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?” (Römer 11,12.15)

Wenn die Israeliten von Anfang an Jesus gehorcht hätten, wäre die Erlösung sicher nicht verhindert worden, sondern die Hingabe Jesu hätte in einer völlig anderen Form die Menschen zu Gott geführt.

7. In Konsequenz der massiven Ablehnung durch das Volk Israel und insbesondere durch dessen Führer hat Jesus den Tod auf sich genommen und so die letzte Konsequenz seiner Liebe und Hingabe gezeigt.

8. Der biblische Ausdruck “Lösegeld” (z. B. Markus 10,45) dient dazu, den befreienden Charakter des Erlösungswerkes Jesu aufzuzeigen. Wir waren Sklaven der Sünde. Jesus hat uns von dieser Sklaverei befreit, so wie Sklaven durch ein Lösegeld freigekauft worden sind. Die Frage, an wen das Lösegeld bezahlt wurde, sprengt den Rahmen des Bildes und führt zu Aporien (Aporie: 1. Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen. 2. Unmöglichkeit, in einer bestimmten Situation die richtige Entscheidung zu treffen oder eine passende Lösung zu finden; Ausweglosigkeit (lt. Duden) ). Beide möglichen Antworten (Gott oder Satan) stehen in klarem Widerspruch zur Botschaft der Bibel.

9. Ebenso soll die Bezeichnung des Todes Jesu als Opfer einerseits die Größe seiner Hingabe zeigen, andererseits soll dadurch (besonders im Hebräerbrief) auch auf das Ende der alttestamentlichen Opfer hingewiesen werden.

10. Auch die Verwendung des Begriffes “Blut” ist im Zusammenhang der Opferterminologie zu sehen. Weiters verbanden Juden mit dem Begriff “Blut” den Begriff “Leben”.

“Denn das Leben des Leibes ist im Blut”(3. Mose 17,11a – Übersetzung Hamp, Stenzel).

Wir sind durch Jesu Blut erlöst. Das heißt, daß Jesus sein Leben ganz für uns hingegeben hat. Nicht die Körperflüssigkeit “Blut” erlöst uns auf magische Weise sondern die Hingabe Jesu schließt uns ganz in die Liebe Gottes ein.

“… und fast alle Dinge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung.” (Hebräer 9,22)

Hier geht es NICHT um ein Prinizip, daß Gott in seiner Vergebungsfähigkeit an die Darbringung von Blut gebunden wäre. Der Autor des Hebräerbriefes beschreibt einfach die Situation, wie sie im alttestamentlichen Gesetz war, um anschließend zu zeigen, daß die Hingabe Jesu das alles übertrifft.

11. Jesus war in seinem ganzen Leben und Sterben in Gemeinschaft mit Gott und nie von Gott verlassen.

Wenn Matthäus 27,46 und Markus 15,34 das letzte Wort Jesu mit “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!” wiedergeben, so darf dieses Wort nicht isoliert vom zitierten Psalm 22 gesehen werden, der die subjektive Erfahrung eines Menschen in seinem Leid wiedergibt, der aber trotzdem auch im Leid von Gott getragen wird. Der Psalm endet im Lob, “denn er hat nicht verachtet noch verabscheut das Elend des Elenden, noch sein Angesicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er.” (Psalm 22,25)

12. Im christlichen Erlösungsverständnis geht es nicht darum, daß Gott versöhnt wird, sondern, daß wir mit Gott versöhnt werden.

(2. Korinther 5,20): “So sind wir nun Gesandte an Christi Statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Laßt euch versöhnen mit Gott!”

13. Erlösung meint mehr als nur das Vorbild eines vollkommenen Lebens. Die Gläubigen erfahren die erneuernde und verändernde Kraft Jesu in ihrem Leben.

(2. Korinther 5,17): “Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.”

(1. Johannes 5,18): “Wir wissen, daß jeder, der aus Gott geboren ist, nicht sündigt; sondern der aus Gott Geborene bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an.”

14. Die Erlösung durch den Tod Jesu kann immer nur im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu gesehen werden. In der Auferstehung Jesu wird sein Sieg über Sünde und Tod sichtbar. Aus der Kraft seiner Auferstehung erfahren wir unser neues Leben mit Gott.

Diese 14 Sätze sollen die Grenzen abstecken, innerhalb derer wir das biblische Erlösungsverständnis zu ergründen haben. Wir denken nicht, daß wir schon alles ergründet haben und wir wollen noch tiefer in die Größe der Liebe Gottes eindringen, die sich in der Menschwerdung des ewigen Logos und in dessen vollkommenen Hingabe während seines ganzen Lebens bis in den Tod hinein gezeigt hat.

Eine wichtige Aussage das Erlösungswerk betreffend finden wir in Römer 8:3-4:

“Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.”

Gott sandte seinen Sohn, um die Sünde zu überwinden. Dadurch, daß er auf der grundsätzlich selben Ebene wie wir gegen die Sünde gekämpft hat, aber nie gesündigt hat, hat er die Sünde überwunden. In allen, die an ihn glauben, wird dieser Sieg über die Sünde wirksam. Im Wandeln nach dem Geist überwinden wir in der Kraft Jesu die Sünde und werden befähigt, unser Leben für die Brüder hinzugeben, so wie er es für uns getan hat:

“Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns sein Leben hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.” (1. Johannes 3,16)

Diese Lebenshingabe kann im Einzelfall auch heißen, daß jemand stirbt. Das ist aber nicht der Regelfall. Die Hingabe Jesu wäre im Falle der Bekehrung Israels und des dann nicht erfolgten gewaltsamen Todes nicht geringer gewesen, nur anders.

Auch einige Worte Jesu können uns helfen, das Geheimnis der Sendung Jesu zu unserer Erlösung besser zu begreifen:

“Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden, daß sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn.” (Lukas 4,18, ein Zitat aus Jesaja 61,1f)

“… denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist.” (Lukas 19,10)

“Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe…” (Johannes 12,46)

“Da sprach Pilatus zu ihm: Also, du bist ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, daß ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.” (Johannes 18,37)

Zur Ergänzung noch einige Zitate aus Werken neuerer Autoren. Diese Zitate geben nicht in allem genau unseren Standpunkt wieder, wir stimmen auch vielen anderen Ansichten dieser Autoren nicht zu. Diese Zitate sollen aber zeigen, daß Gedanken, die bei uns als sektiererisch verurteilt werden, bei anderen durchaus akzeptiert werden.

Hans Kessler, Christologie in: Handbuch der Dogmatik, Hg. von Theodor Schneider, Bd. 1, 2. Auflage, 1995

S. 411: “Das Kreuz Jesu ist eine Tat der sich gegen Gott verschließenden Menschen.

S. 412: Im Licht der Auferweckung (nur in ihm!) wird das Kreuz zum Zeichen von Gottes unbeirrbarem Heilswillen. Daher die Suche nach Schrifthinweisen, die hellenistische Aussage vom “Muß” des Leidens (Mk 8,31 par; Lk 17,25; 22,37; 24,7.26.44) und die Aussagen von der (durch Menschen erzwungenen, von Gott zugelassenen!) Dahingabe Jesu durch Gott. Sie besagen keineswegs, daß der gewaltsame Tod Jesu das von Gott (gar aus Liebe zur Welt) geplante Ziel gewesen wäre. Eine solche sadistische Vorstellung stünde im Widerspruch zum Gottesbild Jesu und des Judentums: Gott will kein einziges Menschenopfer (solche sind ihm ein Greuel: 3. Mose 18,21; 20,2-5; 5. Mose 12,31; 18,10; Jer 7,30f; 32,35; Hes 16,20f; 20,26), und er hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er von ihr umgebracht werde, sondern damit sie sich von ihm retten lasse (vgl. Joh 3,17).

Die Kreuzigung Jesu war deshalb nicht von Gott gewollt oder gar initiiert. Man darf nicht Gott zuschreiben, was allein menschliche Unrechtsgeschichte Jesus (und Gott) angetan hat. Es war nicht Gottes Wille, daß Jesus grausam getötet wurde. Aber, daß Jesus auch diesem ihm von Menschen zugefügten Tod noch mit seiner Liebe zu Gott und den Menschen füllte (und so Gott zu ihnen kommen ließ), das war durchaus Gottes Wille. Der Wille des Vaters bezog sich demzufolge nur darauf, daß der von ihm gesandte und in die Welt (mit allen Risiken) hineingegebene Sohn die heilsame Solidarität mit allen Menschen festhalte, also auch noch den sich verkrampfenden Gegnern bis ins Letzte nachgehe, um ihnen so aus ihrer Welt der Verschlossenheit und Gottferne herauszuhelfen.”

S. 414: “Doch Jesus hat den Anspruch auf die eschatologische Sammlung ganz Israels (die sich hätte fortsetzen sollen in der Sammlung der Völkerwelt) für Gottes gute Herrschaft nie aufgegeben. Seine Weigerung, sich mit ungefährlicheren Lösungen zufriedenzugeben, und sein entschiedener Wille, allen und sei es in stellvertretender Entäußerung und Einsamkeit das Heil der Gemeinschaft mit Gott und untereinander offenzuhalten, führte ihn dazu, dem drohenden gewaltsamen Tod nicht nur bewußt und gewaltlos entgegenzugehen, sondern ihn als äußersten Dienst für das Kommen der Güte Gottes (auch zu seinen Feinden) als Sterben für viele zu verstehen.”

Jacques Duquesne, Der Gott Jesu, 1998, S. 159:

“Was sein Vater wollte, war nicht, daß er stirbt, um die Sünde Adams zu tilgen, unsere Sünden. Wie hätte ein Gott, der gemäß dem Evangelium siebenundsiebzig mal sieben, d.h. immer, verzeiht, diesen Mechanismus, dieses Verfahren erfinden können, durch das er nicht nur Komplize, sondern Anstifter der Ermordung seines Sohnes werden würde, nur um seinen Zorn über die sündige Menschheit zu besänftigen? Wie hätte ein Gott, der Mose das Gesetz “Du sollst nicht töten” gebracht hatte, wünschen sollen, daß man seinen eigenen Sohn zu seiner “Genugtuung” tötet, wie es so viele Theologen gesagt haben und immer noch sagen…”

Klaus Berger, Wozu ist Jesus am Kreuz gestorben, 1998, S. 36:

“Nein, Gott brauchte die Bosheit der Römer nicht, er gebrauchte sie. Er hatte Gewalt und Blutvergießen nicht nötig, sondern er fand sie vor. Er ist nicht an den Weg der Grausamkeit gebunden, sondern er verwandelt ihn ins Gegenteil. Er dekretiert und diktiert nicht insgeheim den Mord, sondern er will Leben und Gewaltverzicht um jeden Preis. Er bindet Vergebung nicht an Gewalt, sondern antwortet auf Gewalt mit Vergebung. Er ist kein Trittbrettfahrer des Mordes an Jesus, sondern vergibt immer und allezeit in freier Gnade. Er ist kein geheimer Nutznießer der Gewalt, sondern das Kreuz fordert mehr als alles andere das Ende jeder Gewalt. … Er genießt nicht den Tod seines Sohnes, sondern überwindet ihn. Das Blut Jesu Christi besänftigt nicht seinen Zorn …”

Walter Kirchschläger, Hat Gott seinen Sohn in den Tod gegeben? in: Erlöst durch Jesus Christus, hg. von Eduard Christen und Walter Kirchschläger, Freiburg, Schweiz, 2000, S. 52-53:

“Es muß aber mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß die Sendung Jesu auch zu einer anderen Vollendung hätte kommen können. Hätte Israel sich aufgrund der Jesusbotschaft bekehrt …, wäre vermutlich aufgrund der religiösen Erneuerung des jüdischen Volkes im Sinne der Botschaft Jesu von der Königsherrschaft Gottes jene Öffnung auf alle Völker vollziehbar gewesen, von der bereits im Tempelweihegebet des Königs Salomo (vgl. 1 Kön 8,22-53) die Rede ist und die im prophetischen Bild der Völkerwallfahrt nach Jerusalem (vgl. z. B. Jes 66,18-24; Sach 2,14-17, evtl. Jes 2,2) verdeutlicht wird.”

Äußerst subjektiv ist Herrn Kluges kurze Anmerkung über unser Verständnis des Heiligen Geistes. Die nachträgliche und emotional geprägte Empfindung einer “ehemaligen Anhängerin” als Grundlage für unsere Lehre über den Hl. Geist heranzuziehen ist absolut unseriös und entspricht übelster Stimmungsmache. Wir bauen unsere Kritik an Katholiken oder Protestanten nie auf Gefühle sondern auf historisch überprüfbare Fakten und schriftlich dokumentierte Lehraussagen auf. Jede andere Methode ist für Christen nicht akzeptabel.

Das subjektive Empfinden der Geschwister ist sicher nicht das von Gerald Kluge angeführte. Nur kann man mit derartigen Empfindungen nichts beweisen oder widerlegen.

Unsere Lehre über den Heiligen Geist ist in Übereinstimmung mit den alten Glaubensbekenntnissen.

Wir durften an vielen Beispielen die befreiende Kraft des Geistes erleben, der Menschen von Sünden auf Dauer frei gemacht hat. (Joh 8,36; 2. Kor 3,17)

In Galater 5,19-23 beschreibt Paulus den Unterschied zwischen einem vom Heiligen Geist geführten Leben, das er durch die verschiedenen Aspekte der Frucht des Geistes schildert, zum Leben eines Ungläubigen, der dem Hl. Geist nicht gehorcht, dargestellt durch die Werke des Fleisches.

Leben im Geist heißt über die Sünde siegen!

(Galater 5,16): Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht erfüllen!

zu “Gottesbild”

“Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.” (Johannes 14,9)

In der älteren Version seiner Arbeit machte uns Herr Kluge den Vorwurf eines alttestamentlichen Gottesbildes verbunden mit einem Vergleich mit den Zeugen Jehovas. Es ist positiv, daß er diesen Vorwurf, der entweder mangelnde Kenntnis sowohl des AT als auch unserer Lehre oder einfach die Verwendung von Allerweltsvorwürfen ohne genaue Prüfung offenbarte, zurückgenommen hat.

Es freut uns auch, daß unser Kritiker uns trotzdem große Ehrfurcht vor Gott bescheinigt, vor allem, da wir wissen, daß wir in vielem doch noch so unvollkommen sind und Gott nicht immer die Ehre geben, die ihm gebührt.

Gottesfurcht und Liebe zu Gott sind aber keine Gegensätze. Wir finden beides sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.

5. Mose 6,5 “Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft!” und Hebr 2,3 “… wie werden wir entfliehen, wenn wir eine so große Errettung mißachten? Sie hat ja den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen und ist uns von denen bestätigt worden, die es gehört haben …”

seien nur als Beispiele für ein alttestamentliches Wort über die Liebe zu Gott und eine neutestamentliche Stelle, die die Konsequenz des Ungehorsams aufzeigt, genannt.

Wahre Ehrfurcht vor Gott und Liebe sind zwei unverzichtbare Aspekte einer lebendigen Beziehung zu Gott.

Nun wirft uns Herr Kluge nicht mehr ein alttestamentliches Gottesbild vor, sondern eines, das “sehr gesetzlich geprägt” ist. Wenn wir aber betrachten, was im Neuen Testament denen vorgeworfen wird, die durch das Halten des Gesetzes gerechtfertigt sein wollen, dann finden wir etwas ganz anderes, als die Praxis unserer Gemeinde. Das alttestamentliche Gesetz und noch viel mehr dessen Interpretation durch die Pharisäer kannte zahlreiche Gebote, die auf einer formalistischen Ebene angesiedelt waren wie Vorschriften über die kultische Reinheit, Speise- und Opfervorschriften, in kleinerem Ausmaß auch Bekleidungsvorschriften, ferner auch das Gebot der Beschneidung und das Halten diverser Feste. Wer sich damit näher beschäftigen möchte, möge vor allem die Bücher Levitikus und Numeri (3. und 4. Mose) lesen.

Wer hingegen das Streben nach Heiligung, die alle Bereiche des Lebens durchdringen soll, als “Gesetzlichkeit” bezeichnet, zeigt dadurch, daß ihm ein Leben in der Nachfolge Jesu fremd ist. Gerade denen, die in Gefahr waren, nach dem Gesetz zu leben schrieb Paulus in Galater 5,24:

“Die aber dem Christus Jesus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.”

Leben in der Nachfolge Jesu und in der Freiheit vom Gesetz heißt gerade, in der Abwendung von Sünden, Leidenschaften und Begierden zu leben. Christliches Leben heißt immer: Leben in der Heiligung.

Es ist auch interessant, daß der katholische Kritiker in den Chor der freikirchlichen Fundamentalisten (Vorgeblich streng bibelgläubige Richtung im Protestantismus, die sich gegen Bibelkritik und moderne Naturwissenschaft wendet.) einstimmt, die uns den “Vorwurf” der Gesetzlichkeit schon seit Jahren gemacht haben, weil wir ihrem oft formalistischen Bibelverständnis nicht zugestimmt haben.

Unser Kampf gegen Sünde entspringt nicht der Angst, Gott zu verärgern. Ein Gott, der verärgert werden kann, ist eine zutiefst heidnische Vorstellung, welche auch der alttestamentlichen Offenbarung widerspricht. Der Kampf gegen Sünde entspricht einerseits der Einsicht, daß eine Handlung böse ist und daher in sich selbst ablehnungswürdig. Andererseits entspricht es dem Wesen des guten Gottes, daß auch seine Kinder aus Liebe zu Ihm das Gute tun und das Böse meiden.

Jesus nachfolgen heißt von Jesus lernen, d. h. seinen ethischen Maßstab zu übernehmen. Der Maßstab Jesu ist nicht ein besonders ausgefeiltes kasuistisches System (Kasuistik: Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens im voraus an Hand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt -bei den Stoikern und in der katholischen Moraltheologie-Definition laut Duden, Das Fremdwörterbuch) sondern ein bewußtes Leben in der Hingabe an Gott. So lehrt uns Jesus, Abstand zu gewinnen von den Oberflächlichkeiten des Lebens und uns auch in scheinbaren Belanglosigkeiten von ihm prägen zu lassen. Das von Herrn Kluge angeführte Beispiel (die Antwort eines anderen falsch zu deuten) ist jedoch ein allgemeines Kommunikationsproblem, das sich vermutlich nie ganz vermeiden lassen wird. Die Einheit, die wir miteinander im Glauben haben, hilft uns natürlich auch, einander besser zu verstehen. Vielleicht hat Herr Kluge hier auch etwas, das aus unsicherer Quelle kam, falsch gedeutet.

Als Kontrast zur christlichen Lehre über Gott seien ein paar Sätze eingefügt, die in einer von der römisch-katholischen “Kirche” offiziell anerkannten Marienerscheinung gefallen sein sollen. Am 19.9.1846 wurde im südfranzösischen La Salette von einer Erscheinung folgendes geoffenbart:

“Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, den Arm meines Sohnes fallen zu lassen. Er lastet so schwer, daß ich ihn nicht länger zurückhalten kann. So lange schon leide ich um euch! Wenn ich will, daß mein Sohn euch nicht verlasse, so muß ich ihn unaufhörlich bitten …” (nach “Marienlexikon”, hg. R. Bäumer, L. Scheffczyk, Bd. 4, 1992, S. 25)

In dieser sogenannten Kirche wurde also eine Vorstellung als Inhalt einer “Privatoffenbarung” offiziell bestätigt, die Jesus als den zornigen Richter und seine Mutter als milde Fürbitterin darstellt. Diese extreme Verzerrung der biblischen Lehre ist für Katholiken offensichtlich kein Problem, wohl aber die Betonung der von Jesus geforderten Nachfolge.

Der Satz “Zweifeln ist ein gemeines Hinterfragen Gottes” ist in einzelnen Fällen sicher berechtigt, vor allem, wenn jemand schon viel von Gottes Wahrheit erkannt hat und dann ohne jeden objektiven Grund seine Erkenntnis wieder in Frage stellt, aber er stellt keine allgemeine Beurteilung des Zweifels dar.

Zur biblischen Einschätzung des Zweifels siehe Jakobus 1,5-8:

“Wenn aber jemand von euch Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der allen willig gibt und nichts vorwirft, und sie wird ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben, ohne zu zweifeln; denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und her getrieben wird. Denn jener Mensch denke nicht, daß er etwas von dem Herrn empfangen werde, ist er doch ein wankelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen.”

In einer Liebesbeziehung verschwinden die Zweifel. Zweifel sind daher ein Hinweis auf ein mangelndes Vertrauen in Gottes Liebe. Liebe läßt sich allerdings nicht erzwingen und deswegen sind Aussagen, wie die von Herrn Kluge angeführte gewöhnlich nicht der Weg, jemanden aus Zweifeln zum Vertrauen zu führen.

Wenn wir mitunter den Ausdruck “billige Gnade” verwenden, so schließen wir uns D. Bonhoeffers Kritik an, die er in seinem Werk “Nachfolge” herausgearbeitet hat.

“Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade.

Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, … Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, daß die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht billige Gnade ist?

Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.

Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. Es ist doch unser Tun umsonst. Welt bleibt Welt, und wir bleiben Sünder auch in dem besten Leben. Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiß, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muß den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muß er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, daß er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muß, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde läßt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.

Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.” (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, 14. Auflage, München 1983, S. 13-14)

Dieses längere Zitat aus Bonhoeffers Werk soll zeigen, daß auch Menschen, die dem volkskirchlichen System verhaftet waren, die Risiken dieses falschen Gnadenbegriffs kannten und eindringlich aufzeigten.

Den Vorwurf der Werksgerechtigkeit müssen wir klar zurückweisen (Interessanterweise kommt er von einem Vertreter jener Organisation, deren Werksgerechtigkeit die Ursache der Reformation war). Rechtfertigung aus Gnade wird nicht nur verbal vertreten. Wir sind uns unserer Abhängigkeit von Gott bewußt, von dem wir alles empfangen haben, was wir ihm geben können. Die Werke eines christlichen Lebens sind nicht der Grund sondern die Folge der Erlösung.

“Denn aus Gnade seid ihr errettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus dazu geschaffen zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen.” (Epheser 2,8-10).

Der Glaube bringt Frucht. Fehlt die Frucht, zeigt das, daß auch der Glaube fehlt. Glaube ohne Heiligung ist kein Glaube.

“Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird!” Hebräer 12,14

“Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.” (D. Bonhoeffer, Nachfolge, S. 35)

Wer meint, sich einen Platz im Himmel erarbeiten zu können, hat nicht verstanden, was Christentum heißt.

“Er hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in der Himmelswelt.” (Epheser 2,6)

Wir dürfen nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Weil wir im Himmel sind, erfahren wir Gottes Dynamik in unserem Leben, die uns zu einem neuen Leben führt, das ganz anders ist als die Welt erwartet.

Wie würde Herr Kluge wohl Sätze wie “Werke der Nächstenliebe sind der Schlüssel zum Himmel” oder “Werke der Liebe sind immer ein Mittel, Gott näherzukommen.” beurteilen, hätte er sie aus unserem Munde gehört? Bei uns hätte er vermutlich Werksgerechtigkeit geortet, ein Vorwurf, den er “Mutter Theresa” nicht machen würde (Zitate aus: Mutter Theresa, Der einfache Weg, 1995, S. 126 und 127).

Glaube, Nachfolge Jesu ist mehr als nur ein Hobby. Wenn Gott unser Leben bestimmt, ist klar, daß wir ihm alle Bereiche unseres Lebens unterordnen. “Kaufet die Zeit aus!” (Kolosser 4,5)

Das heißt auch, daß wir unsere Zeit von Gott bestimmen lassen. Wenn wir unser Leben vom Willen Gottes leiten lassen, wird manches, das uns früher bestimmt hat, unwichtig. Es geht nicht um das Verbot von Hobbys und “Zeitvertreib” sondern um die Erkenntnis, daß die Zeit zu kostbar ist, um vertrieben zu werden. Wer Gott erkannt hat, hat nun einmal andere Maßstäbe. Jesus hat klar von den Prioritäten eines Jüngerlebens gesprochen (Lk 14,26.33). Wer ihn liebt, erlebt diese Prioritäten nicht als Zwang, sondern als Befreiung zum Wesentlichen.

Herr Kluge verwechselt gerne Ursache und Wirkung. Wenn, wie er behauptet, ohnehin die Praxis der Gruppe vorgibt, was der Bibel gemäßer Lebensstil sei, warum beschäftigen wir uns dann, wie er uns bescheinigt, lange und intensiv mit der Bibel und insbesondere, wie er auch weiß, mit starkem Interesse an der praktischen Lebensführung? Wenn die Worte der Bibel nicht ganz an uns abprallen, müßte doch das Ergebnis sein, daß die biblischen Grundsätze den Lebensstil vorgeben. Wir sind jedenfalls für Verbesserungsvorschläge auf biblischer Basis offen.

Die Bemerkung, dass Jak 2,14-26 große Bedeutung für uns hat, wollen wir als Lob verstehen. Wir wollen uns nicht wie Martin Luther über die Schrift erheben und dieses Werk als “strohene Epistel” verachten und aus der Bibel verbannen (Luther wollte dieses auch mit Hebräer, Judas und Offenbarung tun vergleiche die Vorreden zum Hebräerbrief, zum Jakobusbrief, zur Offenbarung des Johannes aus 1522). Doch sind für uns die Stellen, welche die Rechtfertigung aus dem Glauben betonen nicht weniger wichtig. Jakobus und Paulus stimmen in diesem Punkt überein, betonen nur unterschiedliche Aspekte.

Wie wird Jakobus 2 im Leben der von Herrn Kluge vertretenen “Kirche” sichtbar?

zu “Lebensweise”

  • 1 zu “Die Gemeinde”
  • 2 zu “Das einzelne Mitglied”

“Ihr aber seid Christi Leib, und einzeln genommen, Glieder.” (1 Kor 12,27)
Zu “Die Gemeinde”

1. “… und daß die Jünger zuerst in Antiochia Christen genannt wurden.” (Apg 11,26)
Zu “Der Name bzw. die Selbstbezeichnung der Gruppe”

Kluge gibt unseren Standpunkt fast richtig wieder. Wir sind und wollen nichts anderes sein als Christen. Auch die Bezeichnung “Wahre Christen” lehnen wir, wie bereits oben (I.) erwähnt, ab.

Jede spezielle Konfessionsbezeichnung ist im Widerspruch zum Willen Gottes, der nur eine Gemeinde will. Wer an der Existenz von besonderen Gemeinden festhält, zeigt, daß es ihm nicht um die Einheit geht, daß er ein Zerstörer des Tempels Gottes ist.

“Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben.” (1 Kor 3,17).

Die Bezeichnungen “katholisch”, “evangelisch”, “orthodox” für die eine Kirche sind korrekt, da es nur eine katholische (allgemeine, allumfassende), evangeliumsgemäße, rechtgläubige Gemeinde geben kann. Sobald diese Bezeichnungen aber für eine Sondergemeinschaft verwendet werden, sind sie unzutreffend – eine Sondergruppe ist nicht mehr allumfassend, evangelisch oder rechtgläubig – und drücken die Rebellion gegen Gottes Willen zur Einheit aus.

Eine “Holic-Gruppe” ist uns nicht bekannt. Ernstzunehmende, um Objektivität bemühte “Sektenbeauftragte” verwenden keine Bezeichnungen für eine von ihnen beschriebene Gruppe, die die betreffende Gemeinschaft als ihren eigenen Prinzipien widersprechend ablehnt.

2. “… Einer ist euer Lehrer, ihr alle aber seid Brüder.” (Mt 23,8b)
Zu “Der innere Aufbau der Gruppe”

Über die brüderliche Struktur einer biblischen Gemeinde wurde bereits geschrieben. Es gibt keinen fix abgegrenzten Kreis älterer Geschwister, durch die der Heilige Geist spricht. Den Heiligen Geist haben alle.

“Ihr jedoch habt Salbung vom Heiligen und seid alle Wissende.” (1 Joh 2,20)

Jeder ist herausgefordert, sich mit allen seinen Gaben und Kräften einzubringen. Die Führung durch Gottes Geist ist weder durch hierarchische noch durch demokratische Strukturen gegeben. Es kommt darauf an, das Richtige zu erkennen und zu tun. Auch wenn es vielleicht am Anfang nur wenige sind, die etwas als richtig erkennen, so ist dies doch für alle nachvollziehbar und erkennbar. Es geht nicht um blinden Gehorsam, sondern um das Tun des als richtig Erkannten.

Der Ausdruck “entschiedener Christ” wird von uns nicht verwendet, stammt vielmehr aus einer halbherzigen protestantischen Erweckungsbewegung. Es kann keinen “unentschiedenen” Christen geben.

Wir sehen die Einheit als großen und auch erreichbaren Wert, nicht als Utopie. Deswegen sind Uneinigkeiten immer eine große Herausforderung für uns, die wir nicht einfach ad acta legen können.

Daß “kleine Zweifel” zum “Verstoßen des Unbotmäßigen” führen können, ist ein verleumderischer Vorwurf. Gemeindeausschluß ist nur für Irrlehren und grobes sittliches Fehlverhalten möglich, in diesen Fällen aber auch vom Wort Gottes geboten.

Relativ korrekt hat Kluge unseren Umgang mit Geld beschrieben. Nur ist die Freiwilligkeit der Gütergemeinschaft nicht die subjektive Erfahrung eines manipulierten Opfers sondern objektive Wirklichkeit, die ihre Grundlage in der Liebe hat. Gerade daß das Teilen ohne feste Strukturen funktioniert, zeigt doch, daß jeder gerne und von Herzen gibt.

3. “Durch ihn nun laßt uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist: Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.” (Hebr 13,15)
Zu “Gottesdienste in der Gruppe”

Unser ganzes Leben ist Gottesdienst:

“Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist.” (Röm 12,1)

Deswegen wollen wir keine rituellen Handlungen durchführen, sondern Gottes Wirken in all unserem Handeln sichtbar werden lassen.

Das Heil ist uns durch Jesus geschenkt, deswegen kennen wir keine Zeichen (Sakramente), die uns das Heil vermitteln.

Jesus hat die Taufe angeordnet (Mt 28,19). Sie ist das Zeichen der Umkehr (Apg 2,38), des Todes des alten Menschen und des Beginns eines neues Lebens in Christus (Röm 6,3-11). Die magische Fehldeutung der Taufe, die die Form ohne Inhalt bereits als heilsvermittelnd betrachtet, macht es notwendig, daß wir betonen, daß nicht die Taufe das Heil vermittelt, sondern allein der Glaube, für den die Taufe ein Zeichen ist.

Wenn die Bibel manchmal nur von der Taufe spricht, wenn sie das Christwerden meint, so ist mit der äußeren Form vor allem der Inhalt gemeint.

Es gibt nur eine Taufe (Eph 4,5). Wir sind keine Wiedertäufer. Wenn ein ungläubiger “Priester”, “Pastor” etc. ein Kind ungläubiger Eltern in der Gegenwart ungläubiger Paten und sonstiger Verwandter mit Wasser begießt und die Worte Jesu aus Mt 28 zitiert, ist das keine Taufe, sondern ein leerer Ritus.

Wir lehnen es aber strikt ab, Geschwister, die schon Christen waren, zu taufen, da wir ihr bisheriges Christsein nicht in Frage stellen.

Genauso wenig wie Paulus den Apollos getauft hat (Apg 18,24-28), taufen wir die Geschwister, die wir schon als Christen kennenlernen.

Wir halten, wie Kluge korrekt anmerkt, die Säuglingstaufe dann für möglich, wenn das Kind gläubige Eltern hat, die eine christliche Erziehung sicherstellen. Eine Taufe von Kindern aus einer christlichen Familie im Jugendlichen- oder Erwachsenenalter schließen wir definitiv aus. In einer christlichen Familie lernt das Kind den Weg Jesu von klein auf kennen und macht im positiven Fall immer wieder Schritte in die richtige Richtung. Es gibt für ein Kind von Christen nicht die große Stunde der Bekehrung, sondern viele kleine Entscheidungen für Gott. Ein Kind von Christen ist von Anfang an in die Gemeinde der Glaubenden hineingenommen und lernt in der Gemeinde das Christentum kennen.

Die Geschichte verschiedenster Täufergruppen hat gezeigt, daß der Schritt, Kinder gläubiger Eltern erst als Jugendliche oder junge Erwachsene zu taufen ein in den ersten beiden Jahrhunderten unbekannter Brauch -, auch kein Schutz vor Verweltlichung ist. Der einzige Schutz besteht in der beständigen Sorge um die Reinheit der Gemeinde, wozu auch die Bereitschaft gehört, im negativen Fall den Unglauben der eigenen Kinder zu sehen und zu akzeptieren, daß sie nicht als Christen leben wollen.

Die Form der Taufe (Besprengen oder Untertauchen) ist nebensächlich. Wichtig ist einzig der Wille des Täuflings, Jesus nachzufolgen.

Das Herrenmahl ist die Feier unserer Erlösung. Deswegen halten wir an der urchristlichen Praxis fest, daß nur die teilnehmen dürfen, die die Erlösung angenommen haben, also alle Christen. Kluges Ausdrucksweise “nur vollkommen entschiedene Mitglieder” ist ein Unsinn. Entweder ist man Christ, oder man ist es nicht.

Wir lehnen das katholische Eucharistieverständnis (Opfercharakter und Transsubstantiation) genauso ab wie das symbolische Verständnis von Zwinglianern und zahlreichen Freikirchen. Auch die calvinistische Redeweise von der geistlichen Gegenwart ist unzureichend, da Jesus ohnehin immer geistlich gegenwärtig ist. Wir halten daran fest, daß Jesus in Brot und Wein leiblich gegenwärtig ist, ohne daß das Brot sein Wesen verwandelt.

Kluges Ortung von “Desinteresse an theologischen Fragen, die nicht Lebenspraxis oder Gemeindeaufbau berühren” zum Trotz setzen wir uns mit dem Abendmahl immer wieder auseinander und zwar intensiver als er meint. Außerdem ist es verfehlt, das Herrenmahl nur als “theologische Frage” zu behandeln. Es hat doch auch mit der Lebenspraxis zu tun.

“über den näheren Ritus ist nichts bekannt.” Wir wollen auch keinen Ritus haben. Der einzige Fixpunkt bei der Feier des Herrenmahls ist die Erinnerung an das Werk Jesu durch das Lesen der Einsetzungsworte.

Auch den angesprochenen “Ritus” des Sündenbekennens gibt es nicht. Sündenbekenntnisse können in verschiedener Form stattfinden, im Zweiergespräch und auch im größeren Kreis. Das Sündenbekenntnis ist ein klares Gebot Gottes (Jak 5,16). Gerade durch das Bekenntnis hilft Gott uns auch, von Sünden wirklich frei zu werden.

“Wer seine Verbrechen zudeckt, wird keinen Erfolg haben; wer sie aber bekennt und läßt, wird Erbarmen finden.” (Spr 28,13)

Bereits die Didache (Ende des 1. Jahrhunderts) bezeugt die Praxis des Sündenbekennens vor der Gemeinde:

“In der Versammlung sollst du deine Fehltritte bekennen, und du sollst nicht hintreten zum Gebete mit einem schlechten Gewissen. Dies ist der Weg des Lebens.” (Did 4,14)

Die katholische Praxis der Ohrenbeichte hingegen ist eine Entwicklung des Mittelalters.

Wir kennen auch keine Bevollmächtigten zur Sündenvergebung (wie bei den Katholiken den Priester). Jedem, der seine Sünden bereut und bekennt, vergibt Gott ohne besonderen menschlichen Vermittler.

Die täglichen Treffen sind für uns gewiß der Hauptpunkt des Tagesablaufs. Aber sie sind nicht unsere eigentlichen Gottesdienste. Gottesdienst ist unser ganzes Leben. Unser Verhalten am Arbeitsplatz oder in der Schule muß genauso Gottes würdig sein wie unser Zusammensein mit den Brüdern.

Unsere Treffen dienen dem Aufbau des Leibes Christi. Daher muß jedes Glied auch die Möglichkeit haben, sich einzubringen.

In allem soll Gott gelobt werden, auch in unserem Singen. Wir wollen dabei nicht die künstlerischen Erwartungen unserer Kritiker zufrieden stellen, haben daher auch keinen Chor, der sich durch künstlerisch mehr oder weniger hochwertige Aufführungen selbst verwirklichen will, sondern wir wollen gemeinsam unseren Schöpfer und Erlöser verherrlichen.

Wir beten zu Gott sowohl in Gemeinschaft als auch allein. Unser Wunsch ist es, ständig in der Gemeinschaft mit Gott zu leben, immerdar zu beten. Das Gebet kann nicht auf bestimmte Gebetszeiten reduziert werden. Gott ist ständig bei uns und im Gebet können wir unser ganzes Leben vor ihn bringen. Die persönliche Beziehung zu Gott drückt sich im persönlichen Gebet aus. Die Verleumdung, daß wir privates Gebet als Abspaltung von der Gemeinschaft mißbilligen, wird durch mehrfache Wiederholung in Kluges Abhandlung auch nicht wahr. In der neuesten Version seiner Schrift schränkt Kluge allerdings ein, daß für den Fall, daß jemand in der Schule oder am Arbeitsplatz von der Gemeinde getrennt sei, privates Gebet schon gestattet sei.

Gemeinsames und persönliches Gebet sind kein Gegensatz, sondern ergänzen einander.

Jesus kam nicht, um eine neue “bessere” Gebetsformel einzuführen. Deswegen sehen wir die Worte des “Vater Unsers” als Hinführung zu den Anliegen, die unser Gebet nach Jesu Willen bestimmen sollen. Gottes Reich, Gottes Wille soll uns über alles gehen. Nicht die exakte Wiederholung der Worte war das Anliegen Jesu, sondern er wollte uns zeigen, worum es uns in unseren Gebeten gehen soll.

Zu den Feiertagen wurde schon weiter oben (III. D. c. tägliches Treffen) Stellung genommen.

4. “Alle Gläubiggewordenen aber waren zusammen und hatten alles gemeinsam.” (Apg 2,44)
Zu “Die äußere Lebensform”

In diesem Kapitel von Kluges Schrift werden mehr oder weniger bereits bekannte Vorwürfe wiederholt, was an deren Unrichtigkeit aber nichts ändert.

Das Leben in Wohngemeinschaften hat sich, wie auch schon eingangs (II.) erwähnt, vor allem auch daraus ergeben, daß viele von uns schon allein studien- oder berufsbedingt nicht an ihrem angestammten Wohnsitz wohnen. Überdies bietet dieser Lebensstil zweifellos Vorteile für das Gemeinschaftsleben. Ein einziger größerer Haushalt erfordert aufs Ganze gesehen weniger Aufwand (sowohl zeitlich als auch finanziell) als mehrere Kleinhaushalte. So können wir uns nicht nur am Abend treffen, sondern auch den Tag mit gemeinsamem Gebet beginnen.

Ebenso ist auch das Treffen mit Geschwistern aus anderen Städten und Ländern für alle befruchtend und aufbauend. Das gemeinsame Gespräch über Gottes Wort und eigene Erfahrungen hilft uns, sowohl Gott als auch einander besser kennen zu lernen. Das gemeinsame Erleben der Natur vertieft auch unsere Beziehung zum Schöpfer.

Es gibt niemanden, der andere zu gemeinsamen Spaziergängen einteilt. Wir sind mündige Menschen ohne Bevormundung “von oben”.

Wenn Kluge uns vorwirft, daß wir mißbilligen, daß sich Ehepaare in der “Gruppe” abkapseln, zäumt er das Pferd von hinten auf. Wer sich aus freiem Willen der Gemeinschaft angeschlossen hat, will sich ja nicht abkapseln. Das betrifft auch gläubige Ehepaare. Vielleicht kann man das Verhältnis zwischen Gemeinde und einer Familie mit dem Verhältnis zwischen einer Groß- und einer Kleinfamilie vergleichen, wie es in früheren Jahrhunderten üblich war. Die “Kernfamilie” war in eine größere Familie mit Großeltern, Onkeln, Tanten etc. integriert. So ist auch in der Gemeinde die Familie in die Gemeinde wie in eine Großfamilie integriert. Dieses Leben verlangt natürlich eine Überwindung des Egoismus und ist nur auf der Grundlage absoluter Freiwilligkeit möglich.

Unser Kritiker bestätigt, daß “die Gemeinschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander sehr intensiv und von großer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit geprägt” sind, bezweifelt aber im selben Satz, ob es “echte persönliche Beziehungen” gibt, erklärt aber nicht, wie beide Aussagen, die einander widersprechen, zu vereinbaren sind.

Was immer er unter “echten persönlichen Beziehungen” verstehen mag, dieses intensive Gemeinschaftsbewußtsein, die große Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit unter Menschen verschiedenster Herkunft und sozialer Schichten zeigt doch, daß hier Gott am Werk ist.

über welche Gruppen, die Kluge als christliche Gemeinden anerkennt, würde er solche Aussagen wagen?

Dem wiederholten Vorwurf des Abbruchs der Beziehungen zum bisherigen sozialen Umfeld entgegnen wir, daß wir zwischen Gemeinschaft im Glauben und sonstigen Beziehungen unterscheiden. 2 Kor 6,14ff spricht von der Unmöglichkeit geistlicher Gemeinschaft mit Ungläubigen, bedeutet aber nicht den Abbruch aller Beziehungen zum bisherigen sozialen Umfeld. Jeder von uns lebt in vielfältigen Beziehungen zur “Außenwelt”. Der Abbruch der Beziehungen zu Eltern und Familie wird von vornherein nicht angestrebt. Vielfach macht das intolerante Verhalten der Familie jede Beziehung unmöglich. Aber es ist klar, daß die änderung der Prioritäten auch zu einer Schwerpunktveränderung in den Beziehungen führt. Ein grundsätzlicher Abbruch aller Beziehungen, wie er wenigstens in der Vergangenheit von manchen katholischen Orden gefordert wurde, ist nicht unser Ziel und wird abgelehnt.

Nicht die “Einschränkung der Außenkommunikation” führt zur Intensivierung der “Binnenkommunikation”, sondern das Setzen geistlicher Prioritäten, das Erleben der Gemeinschaft mit Geschwistern führt zur Einschränkung oberflächlicher “Außenbeziehungen”. Dabei bemühen wir uns, unsere bisherigen, auf einer oberflächlichen Basis gegründeten Beziehungen auf einen festen Grund zu stellen. Zwischenmenschliche Beziehungen können nur dann tief sein, wenn Gott im Mittelpunkt steht. Nur so können wir einander auch in unseren Problemen helfen.

Wir bemühen uns, wie Kluge richtig anmerkt, um einen einfachen Lebensstil, er beurteilt das in der abschließenden Beurteilung auch positiv. Im Gegensatz zu manchen katholischen Bewegungen (wie z.B. Franz von Assisi) sehen wir die Armut nicht als Selbstzweck.

“Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Verderben und Untergang versenken. Denn eine Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe, nach der einige getrachtet haben und von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben.” (1 Tim 6,8-10)

“Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhängen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.” (Mt 6,24)

“Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstören und wo Diebe nicht durchgraben und stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein!” (Mt 6,19-21)

Da unser Schatz im Himmel ist, stehen nicht die irdischen Dinge im Mittelpunkt. Wir wollen die materiellen Gaben mit Dankbarkeit in einem bescheidenen Leben nützen. Die Armut ist nicht das Lebensziel, aber neben dem großen Schatz, den Jesus uns geschenkt hat, verlieren die irdischen Güter an Bedeutung.

Wir wollen nicht irgendwelchen menschlichen Modediktaten gehorchen, sondern Gott, der uns mit den “Kleidern des Heils” bekleidet hat (Jes 61,10).

Wir verfügen über keine geheimen Geldquellen, sondern leben von unserer Arbeit. Durch die Gütergemeinschaft und den einfachen Lebensstil bleibt uns auch Geld für manche größere Anschaffungen, wie die für unsere Treffen notwendigen Kleinbusse. Wenn sich für Kluge “manche Fragen stellen”, so haben wir nichts zu verbergen. Solche Fragen sind aber eher an die katholische “Kirche” und deren Geschichte zu stellen.

Wir freuen uns über die Natur, über die Schönheiten, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Die als “extrem lang” bezeichneten Wanderungen dauern üblicherweise etwas über drei Stunden, ausnahmsweise auch vier bis fünf Stunden (wenn es ein besonders sehenswertes Wanderziel gibt). Geschwister, denen das zu anstrengend ist, gehen eine kürzere Route. Viele von uns müssen in ihrem Beruf viel sitzen oder sind Studenten. Da tut ein körperlicher Ausgleich, der zugleich mit Gespräch und geistlichem Austausch verbunden ist, gut.

Zur Ablehnung von Festen wurde schon ausführlich Stellung genommen. Der Vergleich mit den von Formalismus geprägten Zeugen Jehovas ist unangebracht.

Der Vorwurf, daß wir unsere eigene Lebensweise als den Willen Gottes proklamieren und verlangen, daß jeder diese Form übernimmt, geht vom falschen Ansatzpunkt aus. Die Ausgangsfrage ist immer die nach dem Willen Gottes. Davon ausgehend gestalten wir unser Leben. Da wir in der Bibel aber kein 1:1 übertragbares Lebensmodell finden, haben wir für unsere konkrete Lebensgestaltung auch die Erfordernisse, die uns von unseren Lebensumständen vorgegeben sind, einzubeziehen, und den Weg zu finden, der am besten zur Auferbauung aller dient.

5. “Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind, kauft die gelegene Zeit aus!”
(Kol 4,5)
Zu “Die Außenkontakte”

Auch in diesem Abschnitt wiederholt unser Kritiker vor allem schon weiter oben gemachte Vorwürfe. Es wird daher auch hier zu gewissen Wiederholungen kommen.

Auch unter Nichtchristen ist es so, daß sich mit jeder neuen Bekanntschaft, mit dem Hineinwachsen in einen neuen Freundeskreis auch das “Kommunikationsverhalten” eines Menschen ändert. Durch das Kennenlernen neuer Freunde bestimmen neue Themen die Gesprächsinhalte eines Menschen. Um wieviel mehr prägt die Begegnung mit Gott einen Menschen. Auch die ersten Christen bekannten:

“Es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden.” (Apg 4,20)

Das Reich Gottes, die Nachfolge Jesu wird das bestimmende Thema unseres Lebens. Belanglosigkeiten wie Briefmarken oder Fußballspiele sind dann einfach kein Gesprächsthema mehr. Einem Nichtchristen, für den Gott nicht den Mittelpunkt des Lebens bildet, mag es verdächtig sein, daß “das religiöse Element einen alles bestimmenden Platz im Leben und Denken gewinnt.” Aber was sonst kennzeichnet den Christen, wenn nicht das Bemühen, sein ganzes Leben und Denken von Christus bestimmen zu lassen?

Diese zentrale Position Gottes in unserem Leben heißt aber nicht, daß es keine anderen Gesprächsthemen für uns gibt. Wir sind keine apolitischen, kulturlosen und wissenschaftsfremden Menschen. Aber wir sehen alles auf der Basis des Glaubens und auf Christus hingeordnet.

Die uns unterstellte Taktik, “in der Anwerbephase der Familie des potentiellen Mitglieds ein günstiges Bild von sich zu vermitteln”, danach aber die “bisherigen Kontakte zu Menschen außerhalb der Sekte auf ein Minimum zurückzuschrauben bzw. gänzlich abzubrechen”, liegt nicht vor. Wir haben nichts zu verbergen. Jeder, der uns wirklich kennenlernen will, hat von vornherein die Möglichkeit, mit uns zusammen zu sein und uns kennenzulernen, so wie wir sind. Unsere Gäste haben die Möglichkeit, unser Gemeinschaftsleben von innen kennenzulernen. Wir wollen kein religiöses Theater spielen, sondern jeden von vornherein so weit wie möglich an unserem Leben Anteil haben lassen (vgl. 1 Thess 2,8). Wir wollen niemandem ein falsches Bild über uns vermitteln, weder günstiger noch ungünstiger. Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus (2 Kor 4,5). Jeder kann prüfen, wie weit unser Leben der Forderung Jesu entspricht.

Auch Familienmitglieder haben die Möglichkeit, sich unser Leben genau anzuschauen. Es ist auch schon vorgekommen, daß Eltern ihren Kinder in die Gemeinde gefolgt sind, weil sie nicht von Vorurteilen geprägt waren, sondern das Wirken Gottes an ihren Kindern und auch in der Gemeinde erfahren haben. Sie haben erkannt, daß die Veränderung an ihren Kindern nicht ein Produkt psychologischer Manipulation war, sondern das Werk Gottes.

Leider sind die Fälle, daß auch Familienangehörige den Weg der Nachfolge eingeschlagen haben, nur Ausnahmen. Durch die unterschiedlichen Lebensziele wird die verbindende Basis immer kleiner und der Kontakt zur Familie schwächer. Das ist aber nicht das Ergebnis raffinierter Manipulation sondern eine natürliche Entwicklung. Überdies entspricht das auch ganz den Worten Jesu:

“Da ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder äcker verlassen hat um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfach empfängt, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und äcker unter Verfolgungen und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben.” (Mk 10,29-30)

Die von Kluge angeführte Stelle aus 2 Kor 6,14-18 trifft dieses Problem nicht. Wie schon oben (V.A.4.) erwähnt, geht es in 2 Kor 6 nur um die Unmöglichkeit geistlicher Gemeinschaft zwischen Gläubigen und Ungläubigen.

Zum Vorwurf, daß wir die Praxis Jesu, mit Sündern Mahlgemeinschaft zu haben, nicht beachten:

Jesus ist allen nachgegangen, hat Sünder gerufen, hatte mit ihnen Tischgemeinschaft. Aber Jesus hat nie an ihren Sünden teilgenommen. Wo Jesus war, war immer Gott im Mittelpunkt. Er hat Gottes Liebe zu denen gebracht, die von den Pharisäern abgeschrieben worden waren. Das Reich Gottes war im Zentrum seines Lebens und Tuns und all seiner Gespräche. Viele Sünder ergriffen diese ihnen von Jesus geschenkte Möglichkeit und kehrten um. Doch hat Jesus nie die Sünden der Menschen durch seine Gegenwart bestätigt. Oder meint Kluge etwa, daß Jesus mit den Menschen – auf die heutige Zeit übertragen – über Fußball und Autorennen diskutiert hätte, sich mit ihnen ins Kino gesetzt hätte und vielleicht zu deren Zoten still gelächelt hätte? Wo die Menschen anderes im Kopf hatten als Gott, fehlte auch Jesus die Gesprächsbasis.

“Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, um ihm zu glauben.” (Mt 21,32)

Die Sünder haben Johannes, und später noch viel mehr Jesus, geglaubt. Das war die Basis für die weitere Gemeinschaft.

“Ein Christ, der sich nach dem Kontakt mit der Holic-Gruppe nicht bekehrt, ist für sie eigentlich noch schlimmer als ein Atheist, der die Botschaft so noch nicht vernommen hat.” lautet ein weiterer Vorwurf.

Dazu kurz:

1. Jemand, der schon Christ geworden ist, braucht sich nicht mehr zu bekehren. Wir haben noch nie einen Christen zur Bekehrung aufgefordert. Wie schon wiederholt ausgeführt, freuen wir uns über jeden Christen, den Gott zu uns führt.

2. Ein Scheinchrist, der die Bekehrung zu Gott (nicht zu einer nicht existenten “Holic-Gruppe”) verweigert, hat sich dadurch in eine schlimmere Situation gebracht, als jeder, der die Botschaft noch nicht gehört hat (egal ob Atheist oder religiös). Wer sich dem Ruf Gottes verweigert, verhärtet sich gegen Gott, und es wird für ihn viel schwerer sein, auf einen weiteren Ruf Gottes zu hören als für jemanden, der noch nichts gehört hat.

3. Wir bekennen aber mit Paulus, daß jeder Mensch Gott erkennen kann und daß es deswegen keinen Atheisten guten Glaubens geben kann.

“… weil das von Gott erkennbare unter ihnen offenbar ist, denn Gott hat es ihnen geoffenbart. Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird von Erschaffung der Welt an in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien …” (Röm 1,19-20)

Wir müssen daher auch bei Atheisten leider voraussetzen, daß sie schon schwerwiegende Entscheidungen gegen Gott getroffen haben, was uns aber nicht daran hindert, auch um Atheisten zu kämpfen.

Die hier zitierte Kritik setzt auch voraus, daß wir uns um Atheisten bemühen, was zeigt, daß Kluges Feststellung, daß eine “Mission unter Atheisten unbekannt” sei, nicht der Wirklichkeit entspricht.

Es ist interessant, daß “den Sektenmitgliedern” ein Lob gezollt wird, das Kluge nur wenigen seiner römisch-katholischen Glaubensbrüder zubilligen würde, wenn er schreibt: “Wahrscheinlich würden Sektenmitglieder eher eine Antwort verweigern, als sich mit einer Lüge aus der Affäre zu ziehen.”

Wer an die Wahrheit glaubt, lebt auch in ihr.

Zur Kritik an mangelnden “Sozialen Aktivitäten nach außen”: Es ist richtig, daß wir unsere Aufgabe nicht in sozialen Aktivitäten sehen, aber nicht deswegen, weil wir diese Aktivitäten als grundsätzlich falsch sehen. Etliche unserer Geschwister gehen in ihrem Beruf “sozialen Aktivitäten” nach. Darüber hinaus sind wir uns der starken sozialen Ungerechtigkeit in vielen Teilen der Welt und der großen materiellen Not vieler Menschen durchaus bewußt und unterstützen daher einige Hilfsorganisationen. Doch die Hauptaufgabe eines Christen ist eine andere. Jesus hat seine Jünger nicht zur Beseitigung sozialer Mißstände ausgesandt, sondern um das Evangelium zu verkünden. Der Kampf gegen die materielle Not ist eine wichtige Aufgabe. Der Kampf gegen die geistliche Not ist noch dringlicher. Einerseits deswegen, weil ein Leben ohne Gott Konsequenzen nicht nur in diesem irdischen Leben hat, sondern den Menschen auch für alle Ewigkeit von der Quelle ewigen Glücks trennt. Andererseits ist gerade die Sünde der Menschen vielfach die Ursache für soziale Ungerechtigkeit. Ein Christ unterdrückt seine Mitmenschen nicht und beutet sie auch nicht aus. Mission ist somit auch indirekt eine Beseitigung von Unrecht. Das Teilen und der einfache Lebensstil der Christen werden zu einem Modell für ihre Umgebung. Am Leben der Gemeinde soll sichtbar werden, wie es überall sein könnte, wenn alle Gott folgten.

Ganz entschieden lehnen wir aber den Grundsatz ab, den wir im Handbuch einer römisch-katholischen Unterorganisation gefunden haben: “Es darf keine materielle Hilfe geleistet werden, auch nicht im kleinsten Ausmaß. Erfahrungsgemäß müssen wir darauf hinweisen, daß auch alte Kleidung unter diese Bestimmung fällt.” (Das offizielle Handbuch der Legion Mariens, deutsche Ausgabe, Wien 1962, S. 303)

Erfreulicherweise gibt es in den Ländern, in denen wir Geschwister kennen, doch eine gewisse soziale Absicherung (auch wenn manche Politiker oft gerade sogenannter christlicher, in Wahrheit jedoch kapitalistischer, Parteien – eifrig an deren Demontage arbeiten). So stellt sich die Dringlichkeit sozialer Hilfe in geringerem Ausmaß als in biblischer Zeit. Bei unserer geringen Zahl könnten wir auch bei voller Konzentration auf soziale Tätigkeiten viele Probleme nicht lösen. Gerade weil wir nur wenige sind, ist es umso notwendiger, uns voll auf die missionarische Tätigkeit zu konzentrieren. Das materielle Brot können auch ethisch hochstehende Nichtchristen weitergeben. Das Brot des Lebens hat Jesus aber den Jüngern zur Weitergabe anvertraut. Das zu tun sind wir eifrig bestrebt, was uns ja auch unser Kritiker unter dem Stichwort “großer Missionierungsdrang” zugesteht.

Zu den Kleinbussen: Gemeinschaftsleben und Mission sind im Mittelpunkt unseres Lebens. Das erfordert auch, daß wir häufig unterwegs sind. Im Lauf der Zeit hat sich gezeigt, daß das am effektivsten mit Kleinbussen, in denen man auch kurzfristig wohnen kann, möglich ist. Die Finanzierung dieser Busse erfolgt ausschließlich durch eigene Mittel, ohne jegliche staatliche oder sonstige Unterstützung. Da wir weder eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft noch irgendein anderer Verein sind (es auch nicht sein wollen), genießen wir auch keinerlei Steuervorteile. Daß wir uns die Busse, deren Innenausstattung zwar zweckmäßig aber nicht “respektabel” ist, trotzdem leisten können, ist ein Ergebnis des Teilens. Im Gegensatz zur weit verbreiteten Ansicht, daß die Gütergemeinschaft zur Not führt, ist es doch nur logisch, daß bei einem einfachen Lebensstil und beim Teilen aller Güter etwas Geld für die Anschaffung gemeinsam zu nutzender Werte bleibt.

6. “… wenn er aber auch auf die Gemeinde nicht hören wird, so sei er dir wie der Heide und der Zöllner.” (Mt 18,17)
Zu “Strafen der Ausschluß unbotmäßiger Mitglieder”

Zum Thema “Ausschluß” wurde schon im Zusammenhang mit dem “Gemeindebild” Stellung bezogen.

Kluges Feststellung, daß “die Gruppe nicht bemüht ist, krampfhaft alle Leute zu behalten”, steht in Spannung zum Vorwurf, daß wir die Menschen mit psychologischen Methoden an “die Gruppe” binden wollen.

Man darf den Ausschluß nicht isoliert vom Gemeindeleben sehen. Wir haben von Gott die Verpflichtung, füreinander zu kämpfen, einander in der Heiligung zu stärken. Das geschieht durch die brüderliche Ermahnung und Ermunterung. Erst wenn offensichtlich ist, daß jemand die Sünde mehr liebt als das Leben mit Gott, wenn wir sehen, daß wir jemandem in der Gemeinde nicht mehr helfen können, bleibt nur mehr die Möglichkeit des Ausschlusses.

Die angeführte Interpretation von Hebr 6,4ff, daß jemand bereits durch die zweite Sünde die Chance auf Bekehrung verwirkt habe und es für ihn dann keine Gnade mehr gebe, ist stark vereinfacht und wird auch von uns nicht vertreten. Diese Lehre findet sich allerdings schon im “Hirte des Hermas”, einer Schrift aus dem ausgehenden 1. Jahrhundert. Das Leben läßt sich jedoch nicht in ein so einfaches Schema pressen. Wir dürfen niemandem die Möglichkeit der Umkehr nehmen, solange nicht ganz klar ist, daß er abgefallen ist.

Nicht nur Hebr 6,4f spricht von der Möglichkeit des Abfalls, sondern auch zahlreiche andere Stellen warnen eindringlich davor. Auch Jesus selbst warnt:

“Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.” (Joh 15,6)

Die Freiheit des Menschen wird durch die Entscheidung zur Nachfolge nicht aufgehoben. Die Liebe Gottes läßt uns immer noch die Möglichkeit offen, auch als Christen nein zu ihm zu sagen. Wenn ein Christ sich durch seine Sünden tatsächlich von Gott abgewendet hat, gibt es für ihn nach den klaren Aussagen der Schrift keine Möglichkeit zur Umkehr mehr, weil er sich selbst gegen Gott verhärtet hat.

“Sehet zu, Brüder, daß nicht etwa in jemandem von euch ein böses Herz des Unglaubens sei im Abfall vom lebendigen Gott, sondern ermuntert einander jeden Tag, solange es heute’ heißt, damit niemand von euch verhärtet werde durch Betrug der Sünde!” (Hebr 3,12-13)

Auch wenn heute viele “bibeltreue” Gruppen die Möglichkeit des Abfalls leugnen, handelt es sich hier doch um eine klare biblische Lehre, an der wir festzuhalten haben, auch wenn die Feststellung, daß jemand abgefallen ist, nicht nach dem einfachen Schema funktioniert, das uns Kluge unterstellt. So lange nicht klar ist, daß jemand von Gott abgefallen ist, wollen wir auch um ihn kämpfen. Das geistliche Leben eines Menschen ist allen Einsatz wert.

Es ist richtig, daß Ausschluß nicht gleich Ausschluß ist. Wenn wir einem Bruder in der Gemeinde nicht mehr helfen können, so heißt das nicht, daß es für ihn keine Möglichkeit der Umkehr mehr gibt. Wenn sichtbar ist, daß ein Bruder umgekehrt ist, ist das eine große Freude für die ganze Gemeinde.

Falls jemand aber eindeutig den Weg Gottes unwiderruflich verlassen hat, dann bleibt uns auch nur mehr die Möglichkeit, uns von ihm zu trennen, da Menschen, die ohne Gott leben wollen, in der Gemeinde Gottes keinen Platz haben dürfen. Wir nennen diese Trennung allerdings nicht “Entsendung”, wie Kluge meint. Der Begriff “Entsendung”, den wir in dieser Form ohnehin nicht verwenden, enthält eher positive Assoziationen, wie Entsendung in die Mission.

Die Strafe des Entzuges des Wohnungsschlüssels für Unehrlichkeit ist uns unbekannt. Wenn jemand aber durch einen gefährlichen Fahrstil das Leben oder die Gesundheit sowohl von Geschwistern als auch von Außenstehenden gefährdet, so ist das wohl natürlich, daß er sich erst nach einer Gesinnungsänderung wieder ans Steuer setzen darf.

B. “Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden” (2 Kor 5,17)
Zu “Das einzelne Mitglied”

1. “Niemand, der Kriegsdienste leistet, verwickelt sich in die Beschäftigungen des Lebens, damit er dem gefalle, der ihn angeworben hat” (2 Tim 2,4)
Zu “Die äußere Lebensform”

Es wird uns ein radikaler Lebensstil vorgeworfen. “Radikal” kommt von “Radix”, der Wurzel. Wir wollen nicht nur ein bißchen Christentum spielen, sondern als Christen leben, von Christus her, der unsere Wurzel ist (Kol 2,7).

Wir kennen keine formalisierten Vorschriften zum Tagesablauf. Gewiß verbringen wir so viel Zeit wie möglich gemeinsam, wobei die konkrete Gestaltung der Zeit von den jeweiligen aktuellen Aufgaben abhängt. Es soll jedem ausreichend Möglichkeit gegeben werden, sich mit seinen eigenen Fähigkeiten in das Gemeinschaftsleben einzubringen.

Wir empfangen unsere Zeit, unsere Fähigkeiten, unseren Körper als Geschenk Gottes zu seiner Verherrlichung. Deswegen wollen wir all das nach seinem Willen aus Dankbarkeit nutzen.

Wir betrachten den Körper nicht als “Bruder Esel” (wie Franz von Assisi es tat), den wir einfach ausbeuten sollen, sondern als Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19), in dem wir Gott verherrlichen sollen. Darum soll unser Körper selbstverständlich all seine Bedürfnisse erfüllt haben, sowohl was Schlaf als auch Nahrung betrifft. Da die Bedürfnisse individuell verschieden sind, kann es hier auch keine einheitliche Norm geben. Unser Wunsch, Gott zu dienen, bewahrt uns aber vor einem übermaß an Schlaf, wie wir es auch am Beispiel Jesu (z.B. Lk 6,12) und Pauli (Apg 20,31; 2 Kor 6,5) sehen.

Ganz anders hingegen geht der selig gesprochene Gründer des Opus Dei (konservativ katholische “Erneuerungs”bewegung aus dem 20. Jahrhundert) mit dem Körper um:

“… Genauso du: noch eine Viertelstunde Bußgürtel für die Seelen im Fegefeuer, noch fünf Minuten für deine Eltern, weitere fünf für deine Brüder im Apostolat … Wenn du deine Abtötung auf diese Weise machst, wie wertvoll ist sie dann!”(Josemaria Escrivá, Der Weg, 3. Auflage 1967, Nr. 899)

Unser Körper ist uns nicht zur “Abtötung” gegeben, sondern zur Verherrlichung Gottes!

Kluges Vorwurf der “ungesunden Ernährung” zeigt nur die Schwäche seiner Argumentation. Einerseits weiß er wohl sehr wenig über unsere Eßgewohnheiten, andererseits haben wir keine typisch “christliche” Ernährung. Unsere Ernährung ist so verschieden wie unsere Geschmäcker. Wir treiben keinen Kult mit dem Essen, aber wir haben auch keine Speisegebote oder sonstige Vorschriften für die Ernährung.

“Denn jedes Geschöpf Gottes ist gut und nichts verwerflich, wenn es mit Danksagung genommen wird.”
1 Tim 4,4)

Wenn Kluge unsere Wohnungen, in denen er noch nie war, als “recht kalt” empfindet, so ist das seine subjektive Meinung. Es stimmt allerdings, daß wir unsere eigentlichen Wohnungen nicht auf dieser Erde haben, sondern bei Gott (Joh 14,2).

“Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebr 13,14)

Darum streben wir es nicht an, in unseren Wohnräumen möglichst viel Zierrat anzusammeln. Gold, Silber und sonstige Schätze, wie sie in diversen religiösen Bauwerken anzutreffen sind, wird man bei uns vergeblich suchen. “Einfach und praktisch” ist die Devise. Aber es gibt keine Vorschriften (leider muß das immer wieder betont werden, da Kluge hinter allem ein Gesetz sehen will).

Natürlich trennen wir uns von den Dingen, die wir nicht mehr brauchen und auch nicht mehr brauchen werden. Wir sind nicht die Museumswärter unseres alten Lebens.

Man muß wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen’s nur zur Not.
(G. Tersteegen)

Aber auch in diesem Punkt entscheidet jeder für sich selber, was er als unnötigen Ballast der Vergangenheit abgibt.

Zum Thema “Beruf”:

Wir unterscheiden zwischen unserer Berufung als Christen und dem Beruf, der zum Erwerb der lebensnotwendigen materiellen Mittel dient. Auch Paulus hat sein Geld als Zeltmacher verdient, seine Berufung war aber nur die Verkündigung des Evangeliums.

Im Beruf wollen wir unsere Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen verrichten und lehnen daher auch Verantwortung nicht von vornherein ab. Es ist aber klar, daß die Gebote Gottes auch am Arbeitsplatz gelten und unethisches Verhalten (wie etwa Lügen) am Arbeitsplatz für einen Christen genauso unmöglich ist wie in der Gemeinschaft der Geschwister.

Wir lehnen auch “kirchliche” Arbeitgeber nicht von vornherein ab. Auch andere Arbeitgeber teilen nicht unsere religiösen Anschauungen. Falls bei einem “kirchlichen” Arbeitgeber kein Zwang zu religiösen Handlungen der betreffenden Religionsgemeinschaft vorliegt und die Arbeit in sich nicht unethisch ist, ist eine Tätigkeit bei einem konfessionellen Arbeitgeber kein Problem. Das Problem lag manchmal gerade umgekehrt, nämlich darin, daß katholische Arbeitgeber keine nichtkatholischen Arbeitnehmer wollten.

Wenn eine Schwester in der Befriedigung der Wünsche menschlicher Eitelkeit als Friseuse keine sinnvolle Tätigkeit sah und sich einen anderen Beruf suchte, so war das ihre eigene Entscheidung, die von den anderen Geschwistern selbstverständlich akzeptiert wurde. Es gibt trotzdem kein Verbot, als Friseur zu arbeiten. Leider ist es nicht immer so einfach, eine Arbeit zu finden, die auch einen tieferen Sinn hat. Solange eine Tätigkeit nicht in sich unmoralisch ist, ist sie ein auch für Christen möglicher Beruf.

Auf jeden Fall abzulehnen sind aber Berufe, in denen Menschen direkt geschadet wird, wie etwa durch den Verkauf von Tabak oder Schriften unsittlichen Inhalts. Daß manche Berufe für einen Christen nicht in Frage kommen, war für Menschen früherer Zeiten ganz klar. So schlossen Kirchenordnungen aus dem 2. und 3. Jahrhundert manche Berufe von vornherein von der Zugehörigkeit zur Kirche aus.

Es ist nicht zutreffend, daß ein Christ nur “unterste” Positionen einnehmen dürfe. Auch Leitungspositionen sind von vornherein nicht auszuschließen. Ein Christ ist sich aber immer bewußt, daß der Beruf nie wichtiger sein kann als die Berufung, Jesus nachzufolgen. Dementsprechend hat das Engagement in einem Beruf auch seine Grenzen. Hätte Paulus eine Großproduktion von Zelten initiiert, hätte er vielleicht eine marktbeherrschende Stellung gewonnen. Nur wäre ihm dann für seine Berufung keine Zeit mehr geblieben.

2. “Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, daß ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.” (Röm 12,2)
Zu “Moralische Richtlinien, die das Leben bestimmen”

Wir richten unser Leben nach Christus aus, der die Norm unseres Lebens ist. Sein Wille durchdringt alle Aspekte unseres Lebens, aber nicht durch die Aufstellung eines Kataloges moralischer Richtlinien, sondern weil wir in ihm leben, sehen wir, wie alle Bereiche unseres Lebens von seinem Willen, der Heiligung heißt, durchdrungen werden.

Unser Leben ist nicht eine beständige Flucht vor Sünde, sondern eine beständige Hinwendung zu Gott. Wir haben keinen formalistischen und kasuistischen Verhaltenskodex, dem wir Genüge leisten müssen. Aber da wir immer, gerade auch im Alltag, als Christen leben, wollen wir auch bei alltäglichen Verrichtungen Gottes Willen in die Praxis umsetzen.

Gerade das oben (V.B.1.) erwähnte Beispiel der Friseuse zeigt, daß vieles die Entscheidung des Einzelnen ist, und nicht die sture Befolgung eines vorgesetzten Verhaltenskodexes.

Alkohol und Nikotin abzulehnen, die jedes Jahr Millionen Menschen in Krankheit und Tod stürzen und unvorstellbares Leid bewirken, ist wohl eine Selbstverständlichkeit für jeden Menschen, der sich seiner sittlichen Verantwortung bewußt ist.

Geschwister, die früher rauchten, erlebten mit ihrer Hinwendung zu Gott die Befreiung von der Zigarette und sehen das Nichtrauchen nicht als ein nur mit großer überwindung erfüllbares Gebot.

Was den Alkohol betrifft, so widerspricht die Bibel zwar nicht einem mäßigen Weingenuß. Doch sehen wir gerade in unserer Zeit viele Gründe, auf Alkohol ganz zu verzichten. Einerseits sind wir häufig mit Autos unterwegs. Für jeden Autofahrer sollten 0,0 selbstverständlich sein. Andererseits wurde in der heutigen Zeit der Alkohol zu einem gesellschaftlichen Problem nie dagewesenen Ausmaßes. Wir wollen gerade auch den Menschen, die vom Alkohol abhängig waren, eine Umgebung bieten, die ihnen keinerlei Versuchung zu Rückfällen verursacht. Überdies gibt es heute ein reiches Angebot von Fruchtsäften zusätzlich zu den Kräutertees, die uns die Natur überreich darbietet, das jemandem, der nicht nur Wasser trinken will und vielleicht Milch nicht verträgt, genug Alternativen bietet.

Was andere Genußmittel (wie Kaffee) betrifft, so ist deren Gesundheitsschädlichkeit wohl erwiesen und wird nicht nur “von Medizinern als ungesund dargestellt.” Wenn ich meinen Schöpfer liebe, bewahre ich seine Schöpfung und stelle ihm meinen Leib ganz zur Verfügung.

Was Kluges Bemerkung über das Waschen betrifft, so zeigt sich, wie er einfach alles heranzieht, um ein rigoristisches Gebotssystem in unsere Gemeinschaft hineinzulesen. Es ist sowohl traurig als auch lächerlich, daß wir betonen müssen, daß es keinerlei “gruppeninterne” Norm der erlaubten Waschfrequenz gibt. Selbst wenn das sachlich zutreffende Zitat, daß “zuviel Waschen der Haut schade” tatsächlich einmal gefallen sein sollte, ist es trotzdem lächerlich, aus diesem Zitat eine Vorschrift entnehmen zu wollen. Man kann hier viel mehr über Kluges Vorurteile lernen als über unsere Waschgewohnheiten.

Wieder einmal können wir aber etwas, das unserer Gemeinschaft völlig ferne ist, in der Regel einer Teilorganisation von Kluges “Kirche” finden:

“Man gebe den Kranken Gelegenheit zu Bädern, sooft es für sie förderlich ist; den Gesunden aber und besonders den jüngeren, gestatte man es seltener.” (“Regel des heiligen Benedictus”, 36. Kapitel in: Die großen Ordensregeln, S. 226)

Zum “Anzweifeln von Lehraussagen”:

Die richtige Lehre (und nicht irgendwelche psychologischen Manipulationen) ist die Grundlage jeder christlichen Gemeinde. Wer diese Grundlage in Frage stellt, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Die Gemeinde, will sie Gemeinde Gottes bleiben, hat an der von Gott geoffenbarten Lehre festzuhalten. Sicher muß man schwachen Geschwistern mit viel Geduld begegnen. Aber wer die biblische Lehre nicht akzeptiert, hat sich von der Gemeinde getrennt. Wenn wir diesen Grundsatz aufgeben, geben wir unsere Identität als christliche Gemeinde auf. Der Grundsatz, daß man nur mit der richtigen Lehre gerettet werden kann, ist ein allgemein christlicher und findet sich auch in zahlreichen offiziellen Lehrdokumenten allgemein anerkannter “Kirchen” wie z.B.:

“Wer da selig werden will, der muß vor allem den katholischen Glauben festhalten; wer diesen nicht in seinem ganzen Umfange und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig verlorengehen.” (Athanasisches Glaubensbekenntnis, Neuner-Roos 915 Mit “katholischem Glauben” ist in diesem Zusammenhang ausschließlich der richtige Glaube in Bezug auf die Dreieinigkeit und die Person Jesu gemeint. Wir stimmen dem zitierten Satz im Zusammenhang des konkreten Dokumentes zu. Die richtige Lehre über die Person Jesu und die Dreieinigkeit ist für das Christentum grundlegend und unverzichtbar.)

In der Apostolischen Konstitution Pius’ XII. “Munificentissimus Deus” aus dem Jahre 1950 reichen sogar schon bewußte Zweifel an der Lehre der Aufnahme Mariens in den Himmel zum Abfall:

“Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewußt in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, daß er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.” (Neuner-Roos 487)

Bei den Katholiken reichen also schon bewußte Zweifel an einer unbiblischen Lehre zum Abfall! Auch wenn sie in der Praxis jeden Ungläubigen und Verbrecher akzeptieren (so war etwa Hitler bis zu seinem Tod Mitglied der katholischen “Kirche”, ohne daß er ausgeschlossen worden wäre), finden wir in ihren offiziellen Lehrdokumenten eine Position, die Kluge bei allen anderen Organisationen zurecht als sektiererisch verurteilen würde. Gelten bei seiner eigenen Organisation andere Maßstäbe?

Daß die bewußte Wiederholung schwerer Sünden Grund für einen Ausschluß sein kann, ist keine rigoristische Vorschrift, sondern Jesus selber gebietet in Mt 18,15-17, daß hartnäckige Sünder ausgeschlossen werden müssen. Näheres dazu wurde aber schon weiter oben (III.D.e Gemeindebild) ausgeführt.

Unser Kritiker beruft sich in seiner Darlegung unserer Stellung zur Sexualität auch auf die Aussagen eines “Mitglieds”, daß “die Enthaltsamkeit wegen des nahen Weltendes geschehe”, um danach aber einzuschränken, daß dies “wohl nicht die allgemeine Auffassung der Gruppe” sei. Da wir, seit wir einander gefunden haben, die Erwartung der baldigen Wiederkunft stets als grundsätzlich der Bibel widersprechende Lehre abgelehnt haben, können wir definitiv ausschließen, daß jemals jemand der Geschwister diese Aussage getroffen hat. Es bleibt daher nur mehr die Möglichkeit, daß Kluge entweder selber ein Märchen erfunden hat oder daß er leichtfertig die Verleumdungen anderer geglaubt hat. Das unter “Theologen” allgemein verbreitete Vorurteil, daß viele der ersten Christen wegen der Naherwartung des Weltendes ehelos blieben, hat ihn (oder seine Quelle) wohl zu dem irrigen Schluß geführt, daß unsere Hochschätzung der Ehelosigkeit die Ursache in der Naherwartung hat. Dieser Schluß ist jedoch ein Trugschluß. Auch bei den ersten Christen war es nicht die Naherwartung, die sie zur Ehelosigkeit motiviert hat, sondern die größere Verfügbarkeit für den Einsatz im Reich Gottes. Dieser Einsatz ist auch unsere einzige Motivation für die Ehelosigkeit. Jede gnostische Sicht, die in der Materie oder in der Sexualität etwas Negatives sieht, ist mit dem Neuen Testament unvereinbar.

Wir betrachten die Sexualität als einen Teil der guten Schöpfung Gottes, der Gott ihren Platz in der Ehe (und nur dort) gegeben hat. Jede vor- oder außereheliche geschlechtliche Beziehung darf in einer christlichen Gemeinde nicht geduldet werden. Im Rahmen einer christlichen Ehe ist die Sexualität nicht ein “zu vermeidendes Geschehen”, sondern der natürliche Ausdruck der gegenseitigen Liebe der Ehepartner. Auf der Basis der gottgewollten Liebe ist sie auch nicht egoistisch, sondern Hingabe an den Partner, mit dem man ein Fleisch ist. Der Satz, daß Sexualität “ein Geschehen” sei, “das sich nur zwischen Menschen abspielt, wo Gott keine Rolle spielt”, ist unrichtig und gibt nicht unsere Einstellung wieder.

Richtig hingegen ist Kluges Feststellung, “daß es derzeit wichtigere Dinge zu tun gibt.” allerdings nicht nur “derzeit”. Wir finden im NT sowohl bei Paulus als auch bei Jesus klare Aussagen über den Wert der Ehelosigkeit (Mt 19,12; 1 Kor 7,7-8.17-24.25-40). Diese Worte sind auch unsere Begründung für die Hochschätzung der Ehelosigkeit. Es ist nur eigenartig, daß gerade ein katholischer Priester, der selber diese Lebensweise gewählt hat, so wenig Verständnis dafür aufbringt.

” sondern wie Leute, die die Keuschheit, ohne die Ehe zu verurteilen, anerkennen und suchen und vorziehen, nicht wie etwas Gutes (im Vergleich zu) etwas Bösem, sondern wie etwas Besseres (im Vergleich zu) etwas Gutem. Denn wir verachten die Ehe nicht, doch wir verzichten auf sie; wir schreiben die Keuschheit nicht vor, doch wir raten sie an, indem wir auch das Gute bewahren, wenn auch jeder seinen Kräften entsprechend das Bessere sucht; doch wir verteidigen die Ehe dann entschlossen, wenn sie unter dem Vorwand der Besudelung gehässig angeklagt wird mit dem Ziel, den Schöpfergott zu vernichten, der die Ehe aufgrund ihrer Würde im Hinblick auf das Wachstum des Menschengeschlechts ebenso gesegnet hat, wie er die Schöpfung als Ganzes im Hinblick auf ihre richtige und gute Nutzung gesegnet hat ”
(Tertullian, Gegen Marcion I, 29,1-4)

Zum Thema “Hobbys”, auf das Kluge immer wieder zurückkommt, wurde schon eingangs (III.B.) Stellung bezogen. Was hätte wohl Paulus oder gar Jesus auf die Frage nach seinen Hobbys geantwortet?

Unsere “Lebenseinstellung” ist nicht die, die uns vorgeworfen wird. Wir brauchen uns nicht selbst zu beweisen. Es geht uns auch nicht um irgendein überlegenheitsgefühl. Wir streben danach, ständig den Willen Gottes zu tun. Aber trotzdem ist unser Leben nicht ein ständiges Hinterfragen unserer Handlungsweise in dem Sinn, wie Kluge es zu wissen meint. Es geht uns nicht darum, einem ausgeklügelten Sittenkodex zu entsprechen, an dessen Details wir ständig feilen. Wir wollen vielmehr in jeder Situation Gott gehorchen, frei von formalistischen Geboten, aber in einem Leben, in dem Heiligkeit nicht nur ein Schlagwort ist, sondern eine Realität, die sich in allen Aspekten des Lebens äußert.

3. “Erziehe den Knaben seinem Weg gemäß; er wird nicht davon weichen, auch wenn er älter wird.” (Spr 22,6)
Zu “Der Umgang mit Kindern in der Gruppe”

Es ist hier nicht der Ort, ein Handbuch über christliche Erziehung niederzuschreiben. Es seien nur kurz einige Grundsätze christlicher Erziehung skizziert:

a) Konsequenz: Die Kinder sollen ihre Eltern (und auch die Christen, mit denen sie im Gemeindeleben zusammenkommen) als verläßliche Bezugspersonen erleben. Es geht hier in erster Linie nicht um Strenge, sondern um eine klare Linie, die den Kindern hilft, eine feste Vertrauensbasis zu entwickeln. Nichts schadet Kindern mehr als unberechenbare Bezugspersonen. Unser Leben und unser Sprechen von Gott muß gerade auch vor den Kindern eine Einheit darstellen.

b) Freiheit: Einerseits entspricht es einer bibelgemäßen Erziehung, daß die Kinder die Autorität ihrer Eltern akzeptieren müssen. Andererseits haben aber Eltern auch die Freiheit ihrer Kinder so weit wie möglich zu respektieren. Ein Kind soll das Leben mit Gott nie als Zwang erleben. Jeglicher Zwang zu religiösen Akten (auch zum Gebet, zum Bibellesen, zum Gespräch über Glaubensfragen) ist daher abzulehnen. Viele von uns haben erfahren, wie uns unsere Eltern zu ihrem Lebensstil verpflichten wollten und uns teilweise auch mit Zwang vom Leben als Christ abhalten wollten. Wir wollen diesen Fehler nicht in der anderen Richtung wiederholen.

c) Familie und Gemeinde: Die wichtigsten Bezugspersonen für ein Kind sind die Eltern, auch wenn die Kinder so weit wie möglich in das Gemeindeleben integriert werden sollen. Kinder sollen die Gemeinde wie eine Großfamilie erleben, in welche die Kernfamilie integriert ist.

4. “So, in Liebe zu euch hingezogen, waren wir willig, euch nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser eigenes Leben mitzuteilen, weil ihr uns lieb geworden wart.” (1 Thess 2,8)
Zu “Gemeinschaft statt Privatsphäre”

Gott ruft uns zur Gemeinschaft. Das Beispiel Jesu verpflichtet uns, das Leben für die Brüder hinzugeben (1. Joh. 3,16). Diese Lebenshingabe besteht im gegenseitigen Dienen, im Dasein füreinander.

Kluges Vorwurf “Gemeinschaft statt Privatsphäre” verkennt das Wesen christlicher Gemeinschaft. Niemand würde die Fragestellung “Familie statt Privatsphäre” als berechtigt sehen, da das Familienleben als Teil der Privatsphäre betrachtet wird. Unser Familienleben ist das Gemeindeleben. Wir teilen unser Leben mit den Geschwistern, nicht mit unbekannten, undurchschaubaren Institutionen.

Jesu “Privatleben” war das Zusammensein mit den Jüngern. Paulus wurde den jungen Christen “zart, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt.” (1 Thess 2,7). So verbringen wir unser Privatleben mit den Geschwistern, die uns durch die gemeinsame Nachfolge Jesu vertraut und lieb geworden sind.

Der Unterschied zu einer “natürlichen” Familie liegt in der unterschiedlichen Basis. Nicht die gemeinsame Abstammung verbindet uns in der Gemeinde, sondern der gemeinsame Glaube. Durch diese tiefere Basis ist auch das gemeinsame Leben tiefer als in einer “normalen” Familie.

Die alles dominierende Beziehung im Leben des Christen ist die Beziehung zu Gott, die sich auf alle anderen Beziehungen prägend auswirkt. Eine Beziehung, in der nicht Gott die Mitte ist, verliert an Bedeutung. Die Beziehungen, die von Gott geprägt sind, vertiefen sich.

Die Wiederholung der Verleumdung, daß “Gebet oder Bibellesen im privaten Rahmen unerwünscht sei”, ändert nichts an deren Unrichtigkeit. Die Gemeinde lebt von der Beziehung jedes einzelnen zu Gott. Der einzelne wiederum wird im Gemeindeleben in seiner persönlichen Hinwendung zu Gott bestärkt. Wenn bei jemandem das Interesse an der Bibel zu klein ist, kann auch die Gemeinde sein geistliches Leben nicht aufrecht erhalten. Daher ist persönliches Gebet und Bibellesen eine unverzichtbare Basis des geistlichen Lebens des einzelnen als auch der Gemeinde.

Kluge gewann von uns einen “lieblosen, unbarmherzigen und fanatischen Eindruck” und stellte fest, daß “die Gruppe nach außen recht kalt wirke”. Eindrücke sind immer subjektiv und hängen auch stark von der Erwartungshaltung des Beobachters ab. Andere Menschen gewannen einen anderen Eindruck. Überdies widerspricht sich dieser Eindruck mit dem Vorwurf des “love bombing”. Wer objektiv prüft, bleibt von “Eindrücken” unbeeindruckt und betrachtet Lehre und Leben auf der Basis der Bibel.

Es ist sicher so, daß wir den Menschen nicht nach dem Mund reden. Wir schweigen nicht, wenn es darum geht, unbiblische Lehren und unbiblische Lebensgestaltung aufzuzeigen. Gerade dadurch weisen wir auch auf das Leben hin, zu dem uns Jesus berufen hat.

Die “herzliche Wärme”, die es “innerhalb der Gruppe gibt”, wollen wir gerne mit jedem Menschen teilen. Aber dazu bedarf es der nötigen Basis. Für uns sind die Begriffe “Bruder” und “Schwester” keine religiösen Floskeln, sondern täglich erfahrene Realität, die wir einander auch in körperlicher Weise ausdrücken. Formale Höflichkeit ist uns fremd, nicht aber der Respekt vor der Persönlichkeit des Bruders.

Wie anderswo (früher in der Praxis, heute nur mehr in den Schriften “heiliger” Ordensgründer) mit der Privatsphäre umgegangen wurde, möge ein kurzes Beispiel illustrieren:

“Für die Betten genüge eine Matte, ein grobes Tuch, eine Wolldecke und ein Kopfkissen. Diese Betten hat der Abt öfters zu durchsuchen, um nachzusehen, ob sich nicht etwa Eigentum darin finde. Sollte sich bei einem etwas finden, das er nicht vom Abte erhalten hat, dann werde er sehr strenge bestraft.(“Die Regel des hl. Benedictus”, 55. Kapitel: Die großen Ordensregeln S. 242)

5. “… gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt im Glauben, … darin überströmend mit Danksagung.” (Kol 2,7)
Zu “Der Glaube und das Lebensgefühl eines Sektenmitglieds”

Dieser Abschnitt von Kluges Abhandlung würde einen objektiven Autor vorausgesetzt eine intensive Beschäftigung durch zahlreiche Gespräche mit den Betroffenen erfordern. Da davon keine Rede sein kann, ist dieser Abschnitt von vornherein sehr subjektiv und spekulativ ausgefallen.

Es ist aber trotzdem interessant zu sehen, wie Kluge “Verstand” und “Herz” trennt, was in biblischer Sicht doch eine Einheit darstellt. Die reduzierte Interpretation des “Herzens” auf das Gefühlsleben entspricht dem heutigen Subjektivismus, ist aber biblisch keineswegs gedeckt.

Es ist leider eine traurige Tatsache, daß sich viele Menschen in die Irrationalität flüchten. Aber Kluges Vorwurf, daß “man sich gerne in die Rationalität flüchtet” und “versucht, vor allem auf der logischen Ebene der Gedanken bzw. der Lehre zu agieren”, ist einmalig. Halten wir nun die Menschen durch “Bewußtseinskontrolle” vom Denken ab oder flüchten wir uns in die Rationalität? Dieser Widerspruch ist nur mehr auf einer irrationalen Ebene auflösbar.

Schon vor mehreren Jahren wurde uns von einer katholischen Organisation der Vorwurf gemacht, daß wir die Menschen “mit logischen Argumenten verwirren”.

Auf die selbe Ebene der Irrationalität und Unlogik hat sich auch Kluge begeben. Wir werden aber nicht aufhören, Gott mit unserem Verstand zu suchen und zu lieben.

“Gott hat für intellektuelle Drückeberger genauso wenig übrig wie für alle anderen Drückeberger. Wer Christ werden will, der sei gewarnt: Er läßt sich da auf etwas ein, das den ganzen Menschen fordert, und dazu gehört auch der Verstand. Es geht vielmehr gerade andersherum. Jeder, der ehrlich versucht, ein Christ zu sein, wird bald merken, daß sein Verstand an Schärfe zunimmt.” (C.S. Lewis, Pardon ich bin Christ, 6. Auflage, 1982, S. 65)

Was unser Gefühlsleben betrifft, so führt die Liebe zu Gott und zu den Geschwistern zu einem ausgeglichenen Leben. Wir haben keine “Angst vor wahren Gefühlen”. Die Gefühle gehören zum Leben, sind aber nie das bestimmende Motiv im Leben eines Christen.

Daß der Einsatz für Gott absoluten Vorrang hat, ist für Christen der Normalfall. Sonst dürften wir uns nicht Jünger Jesu nennen. Aber es ist nicht die Angst, die uns bestimmt.

“Hierin ist die Liebe bei uns vollendet worden, daß wir Freimütigkeit haben am Tag des Gerichts, denn wie er ist, sind auch wir in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe. Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.” (1 Joh 4,17-19)

Mit dem Wort aus Lk 9,62 “Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.” wollte Jesus nicht Angst machen, sondern ermuntern, alle unsere Kräfte für das einzige bleibende Ziel einzusetzen. Das Lesen solcher Worte macht uns nicht Angst, sondern Mut.

Welche Bedeutung aber haben diese Worte in den etablierten “Kirchen”, in denen die überwiegende Mehrheit gewiß nicht in Gefahr ist, zurückzublicken, weil sie sich in ihrem Leben in keiner Weise von Ungläubigen unterscheiden und überhaupt keinen Gedanken in die Richtung haben, die Hand an den Pflug des Reiches Gottes zu legen?

Würde Kluge all seine katholischen und evangelischen Geschwister dadurch charakterisieren, daß ihr Leben durch große Ernsthaftigkeit geprägt ist? Fast könnte man seinen Kommentar als Lob verstehen, da es ja gut ist, sich “ständig zu bemühen, richtig zu handeln”, aber mit der Schilderung des “Eindrucks, als würde hier wie auswendig gelernt gesprochen” kehrt er doch hintergründig wieder zum Standardvorwurf der Indoktrinierung und Manipulation zurück.

Daß “ehemalige Mitglieder” das Leben der Gemeinde kritisieren, braucht einen nicht zu wundern. Welcher ehemalige Katholik lobt seine Ex-Kirche? (Auch von zahlreichen zahlenden Mitgliedern hört man oft nichts anderes als Kritik.)

Wir akzeptieren, wenn jemand andere Ziele als Gott hat. Wir jedoch finden unser bleibendes Glück nicht in den vergänglichen Dingen.

“da wir nicht das Sichtbare anschauen, sondern das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig.” (2 Kor 4,18)

Wir empfinden das irdische Leben aber nicht als Strafe, sondern als Vorgeschmack der ewigen Herrlichkeit.

6. “Wenn möglich, so viel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden!” (Röm 12,18)
Zu “Die Beziehungen zur Umwelt”
Unsere Beziehungen zur Umwelt werden von unserer Beziehung zu Gott geprägt. Es gibt keine Abkapselung um der Abkapselung willen. Wir stehen im Leben, im Beruf, in der Ausbildung, wie die meisten anderen Menschen auch. Unser “Familienleben” verbringen wir natürlich vor allem mit den Geschwistern. Daß wir mit denen, die einen anderen Weg gehen wollen, weniger Gemeinschaft haben, braucht nicht zu verwundern.

Der Anspruch Jesu, der erste in unserem Leben zu sein, führt zu Konsequenzen. Manche von uns haben die Wirklichkeit dieses Wortes Jesu erfahren:

“Meint nicht, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.” (Mt 10,34-36)

Natürlich wollte Jesus Frieden bringen. Doch die Ablehnung des Anspruches Jesu führt unter engsten Vertrauten zu Reaktionen, die man ihnen vorher nicht zugetraut hätte. Menschen, mit denen man bisher friedlich zusammen leben konnte, wurden zu Gewalttätern. Diese Erfahrung mußten auch manche der Geschwister machen.

Leider haben auch gerade “Sektenexperten”, die den Menschen irrationale Ängste einpflanzen, zu derart aggressiven Handlungen beigetragen, auch wenn sie selber jede Aggression ablehnen.

Es ist gewiß ein Trost, geschwisterliche Gemeinschaft zu erfahren, wenn man von der eigenen Familie Ablehnung oder sogar Gewalt erfährt.

Daß die Gefühle zu Angehörigen, die sich auf solche Weise von Christen entfremdet haben, nachlassen, ist auch kein Wunder.

Es wurden nie “massive Unterhaltsforderungen” gestellt, sondern Eltern, die nicht bereit waren, etwa für die Ausbildung ihrer Kinder aufzukommen, wurden an ihre gesetzlichen Verpflichtungen erinnert. Es gibt auch keinen Grund, warum Christen auf ihr gesetzmäßiges Erbe verzichten sollen. Oder will Kluge etwa das Erbrecht von der Religionszugehörigkeit abhängig machen?

In zahlreichen Fällen, in denen sich Eltern von Christen aus ihrer Verantwortung gestohlen haben, sorgte und sorgt die Gemeinde (vor allem mit dem von den “älteren Geschwistern”, denen Kluge implizit Geldgier unterstellt, verdienten Geld) für den Lebensunterhalt der von ihren Eltern fallen gelassenen Geschwister.

Als Jesus seine Jünger rief, haben sie, mit Kluges Worten ausgedrückt, “die früheren Aktivitäten abrupt beendet.” Sie waren mit Jesus zusammen und richteten “ihre Außenkontakte vor allem auf die Mission und Mitgliederwerbung” aus. Wir machen dasselbe, nur der Ausdruck “Mitgliederwerbung” trifft auf uns genauso wenig wie auf die ersten Jünger Jesu zu.

Als Jesus von seinen Verwandten gesucht wurde, “negierte er” um Kluges Worte zu verwenden, “bisherige menschliche Beziehungen völlig.”

“Und es kommen seine Mutter und seine Brüder; und sie standen draußen,sandten zu ihm und riefen ihn. Und eine Volksmenge saß um ihn her; sie sagten aber zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen suchen dich. Und er antwortete ihnen und spricht: Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er blickte umher auf die um ihn im Kreise Sitzenden und spricht: Siehe, meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.” (Mk 3,31-35)

Wir sind dort, wo unser Herr und dessen Brüder und Schwestern sind.

Kluges Aussagen zum Trotz ist und bleibt unsere Umwelt nach wie vor interessant. Wir sehen sie nur mit neuen Augen. Es stimmt, daß uns Themenfelder wie Fußball, Rockmusik, Autorennen … “schwer fallen”. Aber ist das ein Mangel? Gerade auf der Basis des Glaubens haben wir auch offene Augen und Ohren für die Vorgänge in der Welt, in der wir leben. Durch den Glauben gewinnen wir auch eine verstärkte Unabhängigkeit und sind den Modetrends und Tendenzen der Gesellschaft nicht unkritisch ausgeliefert. Den Vorwurf von Fanatismus und Intoleranz weisen wir zurück. Zum Thema Toleranz wurde schon weiter oben (III.C.) Stellung genommen. Fanatismus, laut Dudens Herkunftswörterbuch “blinde, hemmungslose Begeisterung” ist das Gegenteil der Entschlossenheit eines Christen. Wir folgen nicht blindlings einer wirren Idee, sondern Jesus unter Einsatz auch unseres ganzen Verstandes, “brennend im Geist” (Röm 12,11) und gerade deswegen nüchtern (1 Petr 1,13).

zu “Lehre”

„Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus“
(2. Korinther 4,5)

zu „Was lehrt die Gruppe?“

„Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre …“ (1. Timotheus 4,16)

zu „Allgemeine Einschätzung“

Uns ist bewußt, daß Herr Kluge mit einer äußerst mangelhaften Quellenlage konfrontiert war. Deswegen ist er zum Teil entschuldbar, wenn er unsere Lehre entstellt wiedergibt. Allerdings ist aus seiner Darstellung auch bemerkbar, daß er einfach das Negative suchte, daß er Dinge, die grundsätzlich positiv sind, als kritikwürdig darstellte.

Die Methode, einzelne, oft auch aus unsicherer Quelle stammende Aussagen heranzuziehen, um daraus „die Lehre der Gruppe“ abzuleiten, ist unseriös und eines Theologen nicht würdig. Wenn wir Katholiken und Protestanten nach dem beurteilen würden, was wir irgendwann aus dem Mund eines ihrer Mitglieder hören konnten, würde das Ergebnis noch viel vernichtender ausfallen als es aufgrund der offiziellen Lehrdokumente ohnedies ist. Wir legen an uns einen höheren Maßstab an als an die offiziellen „Kirchen“, erwarten uns daher auch von jedem Bruder, daß er die biblische Lehre gut kennt und auch gut wiedergeben kann. Aber es gab sicher Situationen, in denen manche Geschwister manche Lehren nur mangelhaft erklären konnten, oder auch im Detail unrichtige Gedanken geäußert haben. Häufiger aber war vermutlich der Fall, daß der Gesprächspartner etwas mißverstanden hat oder aufgrund eines Vorurteils mißverstehen wollte. Als theologisch geschulter Mensch hätte Herr Kluge quellenkritischer vorgehen sollen.

Auch wenn es für Herrn Kluge schwierig ist, ein positives Ziel bzw. eine Lehre festzustellen, so ist es doch nicht die Ablehnung der anderen, die uns motiviert, sondern:

„Aber was auch immer mir Gewinn war, das habe ich um Christi Willen für Verlust gehalten; ja wirklich, ich halte auch alles für Verlust um der unübertrefflichen Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, willen, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck halte, damit ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde – indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens – um ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich irgendwie hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten. Nicht, daß ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ihm nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin …“ Philipper 3,7-12

Die Erkenntnis Gottes in Christus ist es, die uns motiviert zum Studium der Bibel, zum Austausch in der Gemeinschaft der Brüder. Es ist sehr traurig, daß viele, die sich Christen und Kirche nennen, sich um diese von Gott geoffenbarte Erkenntnis nicht kümmern, daß ihre Lehre und Praxis dem Neuen Testament widerspricht. Es wäre lieblos, darüber zu schweigen.

Die Pro-Haltung zu Jesus führt zu dem, was Herr Kluge uns als „Anti-Haltung gegen andere Christen und die Kirchen“ vorwirft. Es geht nicht um Kritiksucht sondern um Liebe, die den anderen zeigen will, wo sie falsch gehen. Wer die Gefahr sieht und nicht warnt, macht sich schuldig.

„Wenn ich zu dem Gottlosen spreche: Du mußt sterben! und du hast ihn nicht gewarnt und hast nicht geredet, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Weg zu warnen, um ihn am Leben zu erhalten, dann wird er, der Gottlose, um seiner Schuld willen sterben, aber sein Blut werde ich von deiner Hand fordern!“ (Hesekiel 3,18)

Leider wird aber gerade aus Herrn Kluges Schrift seine Anti-Haltung sichtbar, eine Haltung, die in alter „christlicher“ Tradition steht. Erfreulicherweise sind die Zeiten, wo die großen „Kirchen“ ihre Gegner mit Kreuzzügen, Folter, Scheiterhaufen, in milderen Fällen auch nur mit Verbannung und Enteignung verfolgt haben, nun doch schon vorbei. Aber diese mörderische Anti-Haltung hat die, die sich immer noch als die wahren Vertreter des Christentums ausgeben, über Jahrhunderte bestimmt und so dazu beigetragen, daß der Name Christi mit den größten Verbrechen verknüpft wurde.

„Denn der Name Gottes wird euretwegen unter den Nationen gelästert, wie geschrieben steht.“ (Römer 2,24)

Wir haben gewiß keine Anti-Haltung gegen andere Christen, sondern im Gegenteil: Wir freuen uns über jeden Bruder, den wir kennenlernen dürfen. Der Geist Gottes führt die Christen aus verschiedensten Umfeldern zusammen zur Einheit des Leibes Christi.

Wir sind keine neue Kirche. Deswegen betrachten wir es als Lob, daß „positive eigene Entwürfe kaum bekannt sind.“ Wir halten uns an die positiven Entwürfe von Jesus, Petrus, Johannes, Paulus, Barnabas (nach dem Zeugnis Tertullians der Autor des Hebräerbriefs) und Jakobus, kurz: des Neuen Testaments.

Wir schämen uns nicht, das was Menschen früherer Generationen z. B. über Trinität, Gnadenlehre, Realpräsenz im Abendmahl etc. als richtig erkannt haben, zu übernehmen und immer wieder neu zu durchdenken. Was würde uns Herr Kluge wohl vorwerfen, wenn wir tatsächlich „theologisch kreativ“ wären wie z. B. Jehovas Zeugen, die die Gottheit Jesu und damit auch die Trinität leugnen, und die in Jesus nur den Erzengel Michael sehen? Alle theologische Kreativität hat ihre Grenzen in der von Gott geoffenbarten Wahrheit. Wer diese Grenzen mißachtet wie etwa die erwähnten Zeugen Jehovas verläßt den Boden des Christentums. Egal, was man macht, Herr Kluge findet es kritikwürdig.

Herrn Kluges Feststellung eines Desinteresses an theologischen Diskussionen (woher er das wohl weiß?) verträgt sich nicht ganz mit seiner Bestätigung eines recht hohen theologischen Niveaus.

Wir stimmen mit den drei großen Glaubensbekenntnissen der alten Kirche überein (dem Apostolischen, Nicäno-Konstantinopolischen und dem Athanasischen Glaubensbekenntnis), da sie die authentische Lehre der Apostel wiedergeben, auch wenn sich die Kirche zur Zeit der Formulierung jener Bekenntnisse in vielen Punkten schon weit von den Prinzipien der Urkirche entfernt hatte.

Lehre und Leben bilden eine Einheit. Theologie ohne Streben nach Heiligung ist Blasphemie. Bloße Konzentration auf ethische Lebensführung ohne entsprechende theologische Grundlagen führt zu einem humanistischen Konzept und weg von Gott. Wir sind uns bewußt, daß Denkfaulheit letztlich auch die sittlichen Grundlagen zerstört. Wir wollen Gott auch mit all unserem Verstand (Mt 22,37) lieben, wobei das Durchdenken der Lehre nicht nur die Aufgabe einiger weniger theologischer Gebildeter ist. Jeder Christ bemüht sich, die Offenbarung Gottes so gut wie möglich zu verstehen, sicher jeder nach den ihm gegebenen Gaben und auch in Demut und voller Dankbarkeit im Bewußtsein, daß Gott es den Einfachen offenbart hat (Mt 11,25).

zu “Entstehung”

„Denn einen anderen Grund kann niemand legen …“ (1. Korinther 3,11)

„Wie ist die Gruppe entstanden?“

Gründer und Leiter ist einzig und allein Jesus Christus. Entstanden ist „die Gruppe“ im Mai 30 (näheres nachzulesen in Apg 2). Im Laufe einer bewegten Geschichte hat Jesus immer wieder Menschen herausgerufen, ihm nachzufolgen. Wir sind nicht die ersten und auch nicht die letzten Christen.

Da Gott die Menschen beständig ruft, sollte es nichts ungewöhnliches sein, daß auch Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts einige Christen in Wien einander fanden und dann nicht mehr alleine leben wollten. Keiner der Beteiligten hatte damals die Absicht, „eine Gruppe“ zu gründen. Dieser Gedanke war uns fern. Es ist ein Akt menschlichen Hochmuts, wenn jemand seine eigene Gruppe oder Gemeinde gründen will. Der Wille Gottes ist die Einheit aller Gläubigen. Parteiungen und Eigendünkel werden vom NT schärfstens abgelehnt (z. B. 1. Korinther 1,10-13). Christen suchen die Einheit mit anderen Christen und nicht die Separation von der Gemeinde. So hofften auch wir im Anfang noch, eine Gemeinde zu finden. Was wir fanden, waren jedoch immer nur einzelne Christen, aber keine Gemeinde. Alle „Konfessionen“, ob groß oder klein, denen wir begegnet sind, erhoben ihre eigene Tradition über die Lehre Jesu und der Apostel. Biblisch begründete Kritik wurde zurückgewiesen (am schärfsten von den sogenannten Bibeltreuen). So mußten wir nach einigen Jahren zur Kenntnis nehmen, daß es die Gemeinde der Gläubigen in unserem geographischen Raum nicht gab und daß wir nach Gottes Willen das waren, was wir woanders vergeblich gesucht haben: die Gemeinde Gottes in Wien.

Die Gründung einer Wohngemeinschaft sollte nicht mit einer Gruppengründung verwechselt werden. Es war einfach so, daß die meisten Geschwister nicht aus Wien stammten und zerstreut an verschiedenen Plätzen lebten und es keine Örtlichkeit gab, wo wir uns ungestört treffen konnten. Daß Gottfried „bezeichnenderweise“ an der WG nicht beteiligt war, hatte darin seinen Grund, daß er als einer der wenigen Wiener ohnehin einen Wohnsitz hatte, der zudem nicht allzu weit von der Gemeinschaftswohnung entfernt war.

Daß die Worte eines Sensationsjournalisten aus dem Jahre 1982 nach wie vor wiedergekäut werden, zeigt, daß es bei uns eigentlich nichts aufregendes gibt, was die Welt sehen will, weder Sexskandale noch Gewaltverbrechen, nur harmlose „Nylonsackerl“ … Einmal etwas anderes als die Verbrechen, die von verschiedenen „Kirchen“ durch Jahrhunderte hindurch im Namen Jesu begangen wurden und Millionen Menschen das Leben und die Freiheit gekostet haben.

Zum von Herrn Kluge kurz erwähnten Ausschluß von Gottfried wollen wir zuerst auf die in den Artikeln „Strafe – Ausschluss“ und „Das Gemeindebild“ unter Punkt e) zusammengefaßten Gedanken hinweisen. Gott kennt kein Ansehen der Person. Wir sind einerseits dankbar für vieles, was uns Gott auch durch Gottfried schenken konnte, konnten aber auch die Augen nicht vor seinen Sünden verschließen. Eben weil unsere Gemeinschaft nicht in der Abhängigkeit von einer bestimmten menschlichen Autorität steht, weil wir nicht eine „Holic-Gruppe“ sind, sondern eine Gemeinde, die keinem anderen als Jesus nachfolgen will, mußten wir uns von ihm trennen, als die gemeinsame biblische Basis nicht mehr gegeben war.

Es ist nicht richtig, daß das Ziel des Theologiestudiums nur das Sammeln von Informationen gegen die „anderen Kirchen“ war. Die Theologie als Reden von Gott auch auf wissenschaftlicher Ebene ist ein großer Wert. Es ist nur schade, daß die meisten Theologen dem Gott, dessen Worte sie ergründen wollen, nicht folgen wollen.

Zur „Expansion“ in verschiedene Länder des ehemaligen Ostblocks ist zu sagen, daß vieles nicht das Ergebnis unserer Planung war, sondern daß Gott uns zu Menschen aus diesen Ländern geführt hat. Falls jemand eine besondere Strategie erkennen will, so handelt es sich nicht um unsere menschliche Strategie.

Vorbemerkung

Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln! Denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren. (Matthäus 5,11-12)

Als Christen sind wir es gewohnt, daß man entstellt über uns redet. Es sollte uns daher eigentlich nicht stören, wenn diverse “Sektenexperten” uns zu ihrem Forschungsobjekt gemacht haben, zumal manches, was über unser Leben und unsere Lehre geschrieben wird, wahrheitssuchenden Menschen auch einen Anstoß zum Nachdenken geben kann.

Da manche Vorwürfe aber im direkten Widerspruch zur Wirklichkeit stehen, halten wir es für angebracht, eine Gegendarstellung zu liefern, die es interessierten Menschen erlaubt, beide Seiten kennenzulernen. Unsere Stellungnahme hält sich im Aufbau an Herrn Kluges Schrift, um Lesern einen objektiven Vergleich zu ermöglichen. Wir werden in unserer Stellungnahme allerdings das Schwergewicht auf die lehrmäßige Begründung legen und uns nicht die Mühe machen, jedem absurden Vorwurf entgegenzutreten. Die Wahrheit spricht für sich.

Während der Ausarbeitung dieser Stellungnahme (2000/2001), hat Herr Kluge Veränderungen an seinem Werk vorgenommen. Manches in unserer Ausarbeitung bezieht sich daher noch stärker auf die frühere Ausgabe. Wir haben diese Stellen dennoch beibehalten, da viele auch noch die alte Version kennen und es sich um Vorwürfe handelt, die doch längere Zeit erhoben wurden.

Spätere Aktualisierungen von Herrn Kluge blieben weitgehend unberücksichtigt.

Da sich die Stellungnahme eng an Herrn Kluges Schrift hält, wird manches auch wie bei ihm wiederholt angesprochen. Manche Hinweise sind ohne die Kenntnis des besprochenen Werkes unverständlich. Aber wir hoffen, daß trotz mancher Unklarheiten auch der, der Herrn Kluges Schrift nicht kennt, Klarheit gewinnt über die als Sekte verschrieene Gemeinde Gottes.

“Wir” wer ist das? Wie auch in Herrn Kluges Schrift verschiedentlich angedeutet, lehnen wir es strikt ab, einen besonderen Namen zu tragen, ganz einfach, weil wir nichts anderes sein wollen als Christen (Apg 11,26), Jünger Jesu (Apg 6,7), Heilige (Röm 1,7), Brüder (Apg 1,15), Gemeinde Christi (Röm 16,16), Kinder Gottes (Joh 1,12) … So bezeichnet die Bibel die Menschen, die Jesus nachfolgen. Jesus nachfolgen – das ist es, was wir wollen, nicht mehr und nicht weniger. Das ist unser Leben, unser Ziel. Jede Sonderbezeichnung trennt uns von unserem Herrn. Wir folgen Jesus und sonst niemandem. Was uns zusammenhält ist einzig der gemeinsame Wille, als Christen zu leben. Vor dem Gesetz sind wir ein Freundeskreis, kein Verein, keine Religionsgemeinschaft, keine sonst irgendwie geartete Vereinigung. Nichts anderes soll uns zusammenbinden als die Liebe zu Gott und den Brüdern.